Kritik und Kommunikation

Vor kurzem erhielt ich auf ask.fm folgende Frage: „Hast du mal eine Kritik bekommen über die du heute noch froh bist? Was macht eine wirklich hilfreiche Kritik aus?“. Das kam mit erstaunlich gutem Timing, war ich doch sowieso am Überlegen mal darüber zu bloggen, wie ich zu Kritik stehe.

Mein Verständnis von Kritik hat sich über die Jahre sehr gewandelt. In meiner Jugend war ich wohl ziemlich kritikunfähig, so rückblickend. Ich glaube, dass das mit meinem Outing besser wurde, aber bin mir da nicht so richtig sicher. Was aber sehr prägend war, war der Tutorenworkshop.

Ich bin nicht sicher, ob ich hier im Blog je erzählt habe, dass ich seit dem Wintersemester 2013/2014 an meiner Uni Tutorien zum Thema Programmieren halte. Die Tutorien sind dabei begleitend zur Vorlesung und vor Allem dafür gedacht, in kleineren Gruppen Verständnisprobleme zu lösen und etwas Praxis zu bekommen, während in den Vorlesungen reiner Frontalunterricht stattfindet. Um für diese Tutorien gewappnet zu sein, hab ich in der vorangehenden vorlesungsfreien Zeit an einem Workshop teilgenommen, der neue TutorNinnen auf ihren Job vorbereiten soll. Neben Einheiten, in denen das Lösen schwieriger Situationen geübt wird und solchen, in denen moderne Unterrichtsmethoden erklärt werden, gab es dort auch eine Einheit zum Thema Kritik bekommen und geben.

Ich begriff hier zum ersten Mal so richtig, was mittlerweile für mich ein Teil meiner Lebensphilosophie ist: Kritik sollte immer angenommen werden, nicht direkt abgelehnt. Es ist durchaus in Ordnung, Kritik für sich selbst in einen geistigen Papierkorb zu legen, aber es führt nicht zu einer konstruktiven Diskussion, wenn die Kritik direkt abgeblockt wird. Nachfragen wiederum sind natürlich erlaubt und erwünscht.

Umgekehrt sollte Kritik aber auch immer respektvoll vorgebracht werden. Dazu gehört vor Allem auch, sie nicht als objektiv richtig darzustellen. Statt dessen ist es hilfreich, „Ich-Botschaften“ zu senden. Das bedeutet, ich versuche meinen Standpunkt zu einer Sache zu erläutern und warum ich empfinde, was ich empfinde. Statt „Du hättest das so und so machen müssen!“ versuche ich lieber „Mir hätte es besser gefallen, wenn du es so und so gemacht hättest“ zu sagen. Natürlich decken „Ich-Botschaften“ aber nicht alles an nötigen Respekt ab, aber es sollte hoffentlich klar sein, dass „Ich finde das dämlich!“ (oder gar schlimmere Ausdrücke) meistens kein respektvoller Umgang sind.

Grundsätzlich wurde mir dort auch beigebracht, dass es auch wichtig ist, nicht nur negatives hervorzuheben. „Ich finde, du hast dieses eine Problem super gelöst!“ ist auch Kritik und ebenso wichtig! Ich tu mich mit der Balance meist selbst etwas schwer, wenn ich versuche jemanden zu kritisieren, den ich kaum kenne. Es fallen mir dann meist nur die negativen Dinge auf, die positiven übersehe ich dann gern. Bei Menschen, die ich länger kenne, ist das hoffentlich weniger ausgeprägt, ich hoffe und denke, dass ich mit meinem Verhalten und meinen Reaktionen genug positive Kritik äußere. Wie ich aber gleich noch erläutern werde, befindet sich das sowieso im Wandel.

Denn es gab eine weitere wichtige Erfahrung – die Tagesklinik. Als ich dort in Behandlung war, wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, Gefühle und Gedanken zu kommunizieren. Bis heute ist es so, dass ich viel zu viel einfach hinnehme und davon ausgehe, mein Umfeld müsse bemerken, wenn mir etwas gut oder eben auch nicht gefällt. Ich glaube, seit ich in der Tagesklinik war, kommuniziere ich schon ein ganzes Stück direkter, äußere Kritik schneller, aber es ist noch immer so, dass vieles unausgesprochen bleibt. Ich merke jedoch, dass für mich das offene Kommunizieren einen erheblichen Mehrwert bietet. In verschiedenen Situationen konnte ich so vermeiden, dass ich Gedanken, die mich beschäftigten, in mich rein fraß. Gerade auch in jüngerer Vergangenheit habe ich gemerkt, dass es helfen kann, mir einen Ruck zu geben: Ich spreche Dinge an, die ich mir wünschen würde, im Glauben, mein Gegenüber würde diese Dinge nicht wollen und es stellt sich heraus, dass diese Person das genauso dachte und es sich nicht anzusprechen traute. Wünsche und Bedürfnisse zu kommunizieren schließt Missverständnisse sicher nicht aus, aber es macht sie weniger wahrscheinlich, als diese Dinge nicht zu äußern.

Dieser offene Umgang mit Kritik und Kommunikation führte bei mir dazu, dass ich die eingangs erwähnte Frage nicht so recht zu beantworten wusste. Ich bekomme nach meinem Kritikverständnis ständig Kritik, da ist es schwer eine ganz bestimmte heraus zu picken. Aber ich glaub, ich bin da gar nicht so unglücklich drüber, denn ich fühle mich mit meinem Umgang mit Kritik ziemlich wohl.

Alina

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