Depressionen und der Umgang damit

Contentwarning: Dieser Artikel umfasst die folgenden Themen: Depressionen
Hinweis: Dieser Artikel ist veraltet und entspricht nicht mehr meinen aktuellen Ansichten.

Zunächst möchte ich an dieser Stelle eine Contentwarnung aussprechen. Ich hoffe zwar, dass sie unnötig ist, aber kann nicht ausschließen, dass dieser Artikel bei xiem einen oder anderen Unbehagen oder Ähnliches auslöst. Ich möchte hier offen über das Thema Depressionen reden, weil ich es für ein wichtiges halte, über das zu oft geschwiegen wird. (Dies bedeutet nicht, das eins ständig allen Menschen erzählen soll, wie schlecht eins es hat, aber dazu später mehr.) Außerdem verwende ich ab diesem Artikel die geschlechtsneutralen Pronomen und Binnen-N-Schreibweise, wie im letzten Artikel angekündigt.

Dieses Thema brennt mir schon lange unter den Nägeln, den ich selbst lebe mit Winterdepressionen. Nein, ich leide nicht unter ihnen. Zumindest nicht ständig. Ich sorge dafür, kämpfe darum, dass ich nicht unter ihnen leide. Es gibt sicher Zeiten, da werfen sie mich komplett aus der Bahn, aber im Wesentlichen lebe ich ein ganz normales Leben und habe die Depressionen in Griff. Aber dieses Glück hat nicht jedmensch.

Ich habe bis vor einem Jahr meine Winterdepressionen als „leicht“ eingestuft. Seit mindestens meiner Pubertät kenne ich sie und habe glücklicherweise recht schnell gemerkt, wie ich sie in den Griff bekommen. Mein Patentrezept war bis dahin, einen gut gefüllten Terminkalender zu haben. Der Trick war es, zwar keinen Stress zu haben, der die Depression begünstigt hätte, aber auch keine Zeit zum Nachdenken. Gerade wenn ich viel mit meinen FreundNinnen unternehme, ist das alles andere als Stress, aber eine Ablenkung von Gedanken, die nur allzu schnell düster werden, wenn ich nicht aufpasse.

Es ging selten soweit, dass ich darüber nachgedacht hätte, mir etwas an zu tun. Getan habe ich mir aber nie tatsächlich etwas.

Mir hat es geholfen, wenn es mir akut schlecht ging, mit engen Vertrauten zu reden. Selten waren das meine Eltern, meist eher FreundNinnen. Oft hat es mir auch geholfen, eine Weile traurige Musik zu hören, mich einmal in meine Depressionen hineinzusteigern, mich auszuweinen. Danach ging es mir meist besser, weil ich meinen Frust, meine Probleme rauslassen konnte.

Dies hat sich alles seit ich die Hormone nehme verschlimmert.

Im letzten Winter hatte ich das erste Mal Gedanken daran, mich umzubringen. In den Momenten fühlte es sich so an, als seien die fehlenden Mittel das einzige, was mich davon abgehalten hat. Mensch sagt gern, wenn sich jemensch umbringen will, fände xier einen Weg, aber ich habe höllische Angst vor Schmerzen und es kam auch in den Momenten nur ein schneller, möglichst schmerzfreier Tod für mich in Frage. Heute glaube ich zwar, dass mein Überlebenswille stärker gewesen wäre, und ich mir auch mit entsprechenden Mitteln nicht das Leben genommen hätte, in den Momenten fühlte es sich aber nicht danach an.

Seit dieser Zeit hilft es mir kaum noch, mit Leuten zu reden. Ich tu es immer noch, aber es tut mir weniger gut als früher. Was mir hilft, ist, von engen Vertrauten in den Arm genommen zu werden und mich ausweinen zu dürfen, denn alleine oder „nur“ mit trauriger Musik bekomme ich kaum noch Tränen heraus. Das Weinen-Können und -Dürfen ist dann unglaublich befreiend für mich.

Auch meine bisherige Vermeidungsstrategie funktionierte letzten Winter nicht mehr – ich hatte kaum die Kraft, meinen Terminplan ausreichend mit Ablenkung zu füllen. Hätte ich von Anfang an mehr hierauf geachtet, wäre der Winter unter Umständen leichter gewesen, aber es gab einige Momente, in denen ich getriggert wurde – Situationen also, die meine Depression nahezu unmittelbar hervorriefen. Spätestens in diesen Situationen, die die eigentlich schlimmen waren, wäre der Winter trotzdem gleich verlaufen.

Nun ist der letzte Winter überstanden, der nächste steht jedoch langsam aber sicher vor der Tür. Da ich mir mittlerweile Gedanken um den kommenden Winter mache und nicht will, dass sich der letzte wiederholt, wollte ich eigentlich versuchen, ein Rezept für Notfallmedikamente zu bekommen, wurde hierfür jedoch an Psychaterninnen verwiesen. Da in der näheren Umgebung aber Psychatermangel gibt, habe ich keine Chance, rechtzeitig einen Termin zu bekommen. Mein Plan B besagt daher jetzt, dass ich immer Baldrian im Haus haben werde. Baldrian hat mir über das Jahr hinweg schon mehrfach über Stimmungstiefs hinweg geholfen, wenn ich es allein nicht geschafft habe. Außerdem werde ich meinen Terminplan wieder füllen. Meine Livestreams sind hierbei eine Hilfe. An ihnen habe ich Spaß und Ablenkung und kann sie spontan starten, wenn ich nichts anderes vor habe.

Wenn der Winter auch nur im Ansatz so schlimm wird wie der letzte, werde ich mich nächstes Jahr weiterhin um einen Therapieplatz speziell für meine Winterdepression bemühen.

Kurzum: Nein, es ist nicht schön mit Winterdepressionen. Aber auch nein, niemand muss sich deshalb Sorgen um mich machen. Ich habe einen Schlachtplan und bin mir sicher, diesen Winter die Depression wieder niederzuringen.

Ich kenne aber auch die andere Seite der Medaille. Ich kenne einige Leute, die mit ihrer Depression mehr zu kämpfen haben als ich. Über die Jahre hinweg habe ich einige Menschen kennen gelernt, bei denen die Depression mit verschiedenen anderen Symptomen einher ging, oftmals Selbstverletzendem Verhalten (SVV). Die Geschichten dahinter sind dabei die unterschiedlichsten.

Während einige dieser Leute sich wieder und wieder darum bemühen, ihre Depression zu überwinden, viele davon trotz mehrmaligem Scheiterns, gibt es jedoch leider einige Menschen, die sich auf ihren Problemen ausruhen. Manchmal sind sie sich darüber im Klaren, dass ihre permanente Trauer krankhaft ist, manchmal nicht, in beiden Fällen suchen sie aber nicht nach Hilfe. Statt dessen müssen FreundNinnen herhalten, auf deren Ratschläge selten gehört wird. Statt nach einer Lösung zu suchen, suchen sie nach Bestätigung. Diese Menschen sind meiner Erfahrung nach Gott sei Dank die Minderheit. Ich gehe ihnen mittlerweile konsequent aus dem Weg, auch wenn es nicht immer ganz einfach ist, denn tragische Schicksale stecken meist trotzdem dahinter. Nur habe ich die Erfahrung gemacht, dass es eine Verschwendung der Kraft ist, die ich selbst gut gebrauchen kann, um nicht selbst in Trauer zu fallen.

Es gibt noch eine ähnliche Verhaltensweise, der ich konsequent aus dem Weg gehe, die ich vor Allem im Internet beobachte. Es gibt Menschen, die in sozialen Netzen in alle Welt heraus posaunen, wie schlecht es ihnen geht, die dann aber auf Rückfragen nicht antworten wollen oder sogar aggressiv werden. Auf der einen Seite muss diesen Menschen klar sein, damit unter Umständen viele Leute zu erreichen, auf der anderen wird Hilfe aber wieder abgeleht, siehe oben.

Zwar bin ich grundsätzlich für eine Enttabuisierung der Thematik, aber ich bin der Meinung, eins sollte über die eigenen Probleme nur mit Vertrauten Menschen reden – mit solchen, von denen mensch weiß, dass sie einen nicht dafür verurteilen, Probleme zu haben und denen gegenüber eins sich öffnen kann. Gerade auf Twitter sehe ich oft bereits in Profilen von Menschen, dass sie dort Dinge wie „sucht Liebe“ oder „immer traurig“ oder direkt „depressiv“ stehen haben. Sie drängen damit ihrem Umfeld ihre Probleme auf und reduzieren sich damit letztlich selbst darauf. Dadurch wirkt es mindestens auf mich auch „abstoßend“ im Sinne von „ich will mit so jemenschen nichts zu tun haben“.

Menschen, die sich von diesen letzten Absätzen angesprochen fühlen, würde ich dazu raten, ihre Probleme (und das sind in diesem Moment nicht zwingend nur das, was mensch klassischerweise als Depression bezeichnen würde) nicht öffentlich zu machen, zumindest nicht die akuten. Ich halte es unter Gewissen Umständen, gerade zur Aufklärung, sinnvoll, offen mit diesen Problemen umzugehen. Wenn es einem aber gerade akut schlecht geht, sollte eins sich lieber mit engen Vertrauen austauschen. Diese können einem viel besser beistehen und einen besser verstehen, als ein Kollektiv, in dem sich letztlich doch selten jemensch und noch seltener dier Richtige aufgefordert fühlt, zu helfen. Hat eins einen solchen Vertrauten nicht, kann es trotzdem in meinen Augen sinnvoll sein, zumindest eine Weile die Probleme zu verheimlichen und sich jemenschen zu suchen, dier helfen kann – in schlimmen Fällen einen Therpeutnin, in weniger schlimmen einen Vertrauten, den eins in der Zwischenzeit findet.

Natürlich gilt bei diesem Artikel wie immer, dass dies alles meine Meinung ist. Ich bin mir sicher, dass einige LeserNinnen stellenweise andere Ansichten vertreten werden. Gerade bei diesem Post würde ich mich daher sehr über Kommentare freuen.

Alina