Wieder ein Jahr vorbei

Contentwarning: Dieser Artikel umfasst die folgenden Themen: Depressionen (am Rande erwähnt)

Nun ist bereits Dezember und damit schon wieder ein Jahr fast rum. Gerade die letzten Monate wurde es auf meinem Blog wieder sehr ruhig. Das hat zwei Gründe: Zum einen gab es nicht viel, von dem ich hier hätte bloggen wollen. Ich hab in letzter Zeit viele tolle Dinge erlebt, aber so richtig etwas großes, das ich gern gebloggt hätte, gab es nicht wirklich. Zum Anderen… nun ja. Schrieb ich vor zwei Monaten noch im Artikel über Depressionen, dass ich hoffte, meine seien Überwunden, erwischten sie mich kurz darauf doch wieder. Sie sind gefühlt ähnlich schlimm wie die, die ich letztes Jahr erlebt habe, aber dieses Mal hab ich die oben erwähnten tollen Erfahrungen, die mich noch gut über Wasser halten. Die Depressionen haben aktuell wenig Einfluss auf meinen Alltag, halten mich aber in meiner Freizeit davon ab, meinen Hobbys groß nach zu gehen. Stattdessen pflege ich meine sozialen Kontakte, ein weiterer wichtiger, stützender Faktor.

Ich kann mich aber darauf nicht ausruhen. Soziale Kontakte und gute Ablenkung mögen mich vorerst stützen, aber das wird natürlich nicht ewig gut gehen. Aus diesem Grunde habe ich mich mittlerweile an eine Tagesklinik gewendet und werde dort im Januar einen Platz bekommen – im Dezember stehen noch einige Termine an, die ich unbedingt wahrnehmen möchte, um vorher etwas Kraft zu tanken. Dazu gehören vor Allem Weihnachten bei meinen Eltern und das erste Furious Feedback – Konzert. Furious Feedback ist das musikalische Projekt von Daniel, den ich ja auch schon hin und wieder hier im Blog erwähnte, und ich verfolge das Projekt vom ersten Demo-Song an mit Begeisterung. Zwischendurch werde ich mich außerdem wieder mit vielen tollen Leuten treffen, die ich sonst viel zu selten sehe.

Ein paar Dinge möchte ich aber doch noch erzählen, die mir in letzter Zeit widerfahren sind. Sie sind alle keinen eigenen Blogpost wert, aber vielleicht trotzdem ganz interessant.

Meine Gesichtszüge werden zunehmend weicher. Vor ein paar Tagen lernte ich eine junge Frau kennen, die mir im Laufe des Abends das Kompliment machte, ich habe so ein schönes Gesicht. Später sprach ich sie darauf an, ob sie gemerkt habe, dass ich Transsexuell bin – ja, hatte sie, aber nur, weil sie mit der Thematik vertraut ist. Insbesondere hob sie hervor, dass sie der festen Überzeugung ist, dass Menschen, die sich nicht mit Transsexualität auskennen, mein Gesicht garantiert als weiblich identifizieren würden.

Vor ein paar Wochen war ich für ein Wochenende in Österreich. Dort traf ich auf ein Pärchen, welches meinte, mich zu erkennen. Nach einigem hin und her wurde uns klar, woher: Die beiden lesen meinen Blog. Hallo an euch zwei 🙂 Ich fand es echt faszinierend, aber auch etwas irritierend, plötzlich und ohne Vorwarnung an einem Ort, an dem ich nie zuvor war, zwei Menschen zu treffen, die meinen Blog lesen und mich dann sogar erkennen. Auf jeden Fall eine sehr interessante Erfahrung!

Nach einigem Hin und Her ist meine Bachelorarbeit durch und dieses Semester stehen nur noch zwei Vorlesungen an, bis ich dann auch meinen ersten akademischen Abschluss (Bachelor of Science in Informatik) habe. Auch war meine finanzielle Absicherung zwischendurch wackelig, hat sich nun aber gefangen und ich habe ein recht entspanntes (Rest-)Semester vor mir. Das ist auch gut so, schließlich hab ich ab Januar ja auch noch ein bisschen mehr um die Ohren.

Ansonsten gibt es, denke ich, nicht viel, das erzählenswert wäre, daher belasse ich es an dieser Stelle einfach dabei. Die nächsten Wochen und Monate wird’s dann hier vermutlich wegen dem Rumreisen und dem Klinikaufenthalt auch weniger von mir zu hören geben, aber vielleicht hab ich danach dann wieder mehr interessantes zu erzählen.

Alina

Gastartikel: Die Sicht des Bruder

Endlich gibt es wieder einen Gastartikel. Diesmal habe ich meinen Bruder dazu überreden können, ein bisschen was darüber zu schreiben, wie er zu meiner Transsexualität steht.

Für mich begann alles etwa im Sommer 2011. Unsere Mutter sagte mir, dass Alina die Tage mal mit mir reden müsse. Ich wusste natürlich nicht worum es ging. Als der Tag kam, saßen Alina (damals für mich noch mein Bruder) und ich in der Küche am Esstisch. Ihr Blick ging mehr auf den Tisch als auf mich, woraus ich schließen konnte, wie schwer es ihr eigentlich fiel mir das zu erzählen. Damals outete sie sich mir als „Cross-Dresser“. Unsere Eltern wussten es schon lange und einige Freunde von Alina auch, nur ich wusste nichts davon, bis zu dem Zeitpunkt. Aufmerksam hörte ich mir an was sie sagte. Gestört hat es mich nicht. Für mich hat sich ihr gegenüber nichts verändert oder um es anders zu sagen: es war mir egal. Für mich war und ist sie die selbe Person wie auch vorher. Schließlich ändert sich ihre Art mir gegenüber doch nicht.

Doch das alles war wohl nur die Selbstfindungsphase. Sie wusste wohl damals selbst noch nicht genau was sie nun ist. Schließlich kam der Tag an dem sie sich mit ihrer Transsexualität uns gegenüber geoutet hat. Auch das war mir egal. Sie ist und bleibt meine Familie.

Während dessen war ich noch in der Ausbildung und schnell sprach sich in der Firma herum, dass meine Schwester transsexuell ist. Ich habe daraus auch kein Geheimnis gemacht. Es wirkt aber bis jetzt nicht so als wenn meine Kollegen damit ein Problem hätten. Ab und zu kommen mal „deine Schwester“ Witze, über die ich meistens auch lachen kann, aber wenn es mal zu weit geht, bekommen sie es auch zu spüren. Es kam zwar noch nicht oft vor, dass einer zu weit ging, aber jedes mal hat derjenige sich auch hinter dafür entschuldigt. Meine Arbeitskollegen wissen aber auch, wie locker ich mit dem Thema umgehe. Es gab aber leider auch Ausnahmen. Leute die damit nicht umgehen könnten und genau diese Leute lass ich es auch spüren, dass ich mit Ihnen absolut nichts zu tun haben will! Wenn jemand was gegen meine Schwester hat, will und werde ich auch nichts mit Ihm zu tun haben. Diese Leute sind schlicht weg zurückgeblieben und sind es nicht wert, dass ich mich mit Ihnen beschäftige! Schließlich sucht sich niemand aus transsexuell, homosexuell oder heterosexuell zu sein. Man ist es einfach. Es ist doch keine Entscheidung. Es sind Gefühle. Toleranz und Akzeptanz sollten doch in unser doch modernen und aufgeklärten Welt, in unserer Gesellschaft normal sein. Aber genau das ist leider noch nicht der Fall.

Egal was auch passiert, egal was kommt, ich werde immer zu 100% hinter Alina stehen. Hinter meiner Familie.

Gastbeitrag: Die Sicht der Eltern

Ich möchte in Zukunft eine Reihe von Gastartikeln hier veröffentlichen, welche von Freunden und Familienmitgliedern geschrieben werden. Diese Beiträge sollen beleuchten, wie mein Umfeld mich wahrnimmt und vielleicht auch für den einen oder anderen Angehörigen oder Freund einer transsexuellen Person, eine Hilfestellung sein. Diese Artikel werden unter dem Tag „Gastartikel“ zu finden sein. Diesen ersten Artikel erzählt davon, wie die beiden Personen mit meiner Transsexualität umgehen, ohne die ich heute nicht hier bloggen könnte, ohne die ich nicht einmal auf der Welt wäre: Meine Eltern.

Alina

Hallo,

ich bin die Mutter von Alina. Während Alinas Besuch bei uns haben wir über ihre Seite im Internet gesprochen und überlegt, dass es vielleicht auch für andere Eltern interessant sein könnte, wie wir als Eltern Alinas Leben bis heute erlebt haben 🙂

Alina ist unser erstes Kind, später bekamen wir noch einen Sohn. Während der Schwangerschaft mit Alina gab es eine Zeit mit vorzeitigen Wehen, aber ansonsten verlief die Schwangerschaft gut und die Geburt verlief auch normal.

In ihrer Kindheit hatten unsere Kinder natürlich Lego und Playmobilspielzeug, Stofftiere und was sie sonst interessierte, Spielzeugwaffen oder auch Barbiepuppen, mit denen der Bruder stundenlang spielte, während Alina kein Interesse an Puppen zeigte, sie baute gern mit Lego.

Einmal zu einem Faschingsfest im Kindergarten wollte Alina gern als Mädchen verkleidet gehen, dies habe ich ihr dann „ausgeredet“, weil ich Angst hatte, dass sie als Junge in einer Mädchenverkleidung geärgert wird. Ansonsten ist mir bis ich sie einmal in meinem Body vor meinem Kleiderschrank entdeckt habe, nichts besonderes an ihrem Verhalten aufgefallen. Gut, zu dieser Zeit hatte sie bereits ihr Interesse an Gothic und Live-Rollenspielen entdeckt, ab diesem Zeitpunkt durften ihre Haare nicht mehr geschnitten werden 🙂

Natürlich war ich geschockt, es war schon merkwürdig, meinen „Sohn“ in meinem Body vor dem Schrankspiegel zu sehen. Auch sie war geschockt. Ich habe dann nach Rücksprache mit meinem Mann einen Termin bei einer Beratungsstelle vereinbart und dort mit einem Psychologen gesprochen. Dieser meinte ich sollte dies Erlebnis nicht so ernst nehmen, dass wäre ganz normal, dass ein Junge mal fühlen wolle, wie es sich anfühlt, solche Kleidung zu tragen. Er meinte dann, dass es jetzt die Aufgabe des Vaters wäre, unseren Sohn zu verbieten an meine Kleidung zu gehen, nicht nur weil diese kaputtgehen, da unser Kind größer als ich ist, sondern auch weil man nicht einfach Kleidung von der Mutter nimmt.

Wir haben es so gemacht, doch irgendwie fühlte es sich nicht richtig an. Ich hatte zu der Zeit schon hin und wieder in Zeitungen und Zeitschriften von Transsexuellen gelesen und war mir nicht sicher, ob Alina nur mal ausprobiert hat oder mehr dahinter steckt. Wenn ich versucht habe, sie darauf anzusprechen hat sie aber „dicht gemacht“. Sie wüsste nicht, warum sie die Sachen angezogen hat, sie wollte nicht darüber sprechen und ich solle sie in Ruhe lassen. Ich hatte aber immer wieder das Gefühl, dass sie wieder an meinem Kleiderschrank war. Nach einigem Hin und Her und auch einiger Zeit, wo mein Mann und ich es wieder verdrängt hatten, kam dann der Zeitpunkt, wo ich mir wieder sicher war, dass Alina sich Sachen aus meinem Schrank anzog, so dass ich Alina anbot, jedes mal, wenn ich Kleidung aussortiere, sie sich nehmen kann, was ihr gefällt.

Alina hat sich nach dem Kauf unseres Hauses ein Zimmer im Dachgeschoss ausgesucht, (sie wurde kurz nach dem Kauf 15 Jahre alt) dort hat sie sich dann als Mädchen/Frau eingeschlossen. Zu dieser Zeit haben wir uns schon mal gefragt, ob wir etwas falsch gemacht haben, ob es vielleicht nur eine Phase ist. Wir haben Kinderfotos angesehen und doch, auf den Bildern sieht sie glücklich aus. Das hat uns beruhigt.

Ich hatte ihr zwischendurch angeboten, mit ihr neue Kleidung einkaufen zu gehen, damit sie mal etwas bekommt, dass ihrem eigenen Geschmack entspricht, aber mit mir wollte sie das nicht. Ich denke der Gedanke war ihr unangenehm. Zu dieser Zeit betitelte sie sich als Cross-Dresser.

Dann bekam sie eine Freundin, die mit ihr einkaufen ging und auch die Schminktipps, die sie von Freundinnen bekam, freuten mich. Doch wir wussten nicht, wie es weitergehen würde – mal Junge mal Mädchen. Zu Hause in ihrem Zimmer war es Mädchen/Frau und im „normalen“ Alltag ein Junge/Mann. Das Mädchen hat sich aber immer in ihrem Zimmer aufgehalten, zu dieser Zeit wolle sie noch nicht, dass es andere erfahren. Selbst ihr Bruder wusste lange nichts von Alina.

Dadurch, dass Alina sich als Mädchen in ihrem Zimmer einschloss, habe eigentlich nur ich sie als Mädchen gesehen. Mein Mann wusste zwar davon, jedoch hat er sie fast nie gesehen, so dass es einmal für beide ziemlich unangenehm wurde als die zwei allein zu Hause waren. Alina kam als Mädchen zum Abendbrot herunter und mein Mann war ziemlich „überrumpelt“, da er noch Besuch erwartete und gab ihr zu verstehen, dass sie sich umzuziehen hatte. Ihm tat es anschließend total leid, sich im Ton vergriffen zu haben und Alina war zuerst in ihren Gefühlen verletzt, hat aber nach einem Gespräch verstanden, dass es für meinem Mann merkwürdig war, sie so zu sehen.

Irgendwann wurde sie von Freunden mit nach Hamburg mitgenommen, zu diesen Tanzveranstaltungen fuhr sie als Frau und erzählte mir am nächsten Tag total glücklich, wie gut es sich angefühlt hat.

Nun lebt und studiert sie seit etwa 2 1/2 Jahren in Baden-Württemberg und dies als Frau. Unsere größten Sorgen waren im Laufe der Zeit eigentlich immer, dass sie von anderen Menschen abgelehnt wird. Natürlich haben wir uns auch Gedanken über unsere Freunde, unsere Familie und unsere Arbeitskollegen und deren Reaktionen gemacht. Wir haben unsere Familie, Freunde und auch Nachbarn informiert, dass wir nun eine Tochter haben, natürlich waren die meisten im ersten Moment „geschockt“ und doch haben sie alle super reagiert und niemand hat sich zurückgezogen. Unser 85jähriger Nachbar meinte erst, dies sei doch nicht richtig. Ich habe ihm gesagt, sie hat es sich nicht ausgesucht, und wenn jemand sagt, dass ist nicht von Gott gewollt, warum hat Gott Alina so auf die Welt geschickt? Der Nachbar hat heute keine Probleme mit ihr und fragt auch oft wie es ihr geht.

Inzwischen wissen es  immer mehr Leute, aber natürlich nicht alle, die wir kennen, so dass es manchmal schon merkwürdig ist, wenn z. B. die Grundschullehrerin nach unserem Sohn fragt, aber dann erzähle ich nicht von Alina, weil ich denke, es muss nicht jeder wissen. Wir haben aber auch schon erlebt, dass andere nicht so gute Bekannte schon von Alina gehört haben und sich nicht getraut haben, uns deswegen anzusprechen, weil es uns deshalb vielleicht schlecht gehen könnte. Wenn uns jemand direkt drauf anspricht, haben wir aber auch kein Problem damit, von Alina zu erzählen – es ist so wie es ist!!!

Es ist für uns gerade am Anfang oft komisch gewesen, wenn wir Alina in „Frauenkleidung“ gesehen haben, denn wir haben in ihr noch lange unseren erstgeborenen Sohn gesehen (jahrelang eintrainiert), die Gesichtszüge werden jetzt durch die Hormone weicher. Aber gerade weil wir Alina nicht mehr oft sehen, mussten wir uns an die „Veränderung“ gewöhnen. Auch war es anfangs komisch mit ihr bei uns im Dorf unterwegs zu sein, wo man immer auf Bekannte treffen konnte und nicht wusste, wie diese reagieren würden. Heute ist es uns egal, wie die Leute reagieren, denn wir wissen, dass es Alina als Frau besser geht und letztendlich ist es egal ob Junge oder Mädchen, sie ist unser Kind und wir sind stolz auf sie, dass sie so mutig ist und ihr Leben als Alina trotz der Probleme mit den Hormonen lebt und sogar ihr Studium gut im Griff hat.  Und wir sind dankbar, dass Alina so gute Freunde hat, denen es egal ist, das sie transsexuell ist.

Für uns hat Alina einen guten Weg gewählt um sich selbst, uns und unsere Umwelt auf Alina vorzubereiten und sie so zu akzeptieren wie sie ist. Ich denke, es braucht seine Zeit sich an die „Veränderung“ zu gewöhnen, man kann es nicht von heute auf morgen erzwingen als Frau angenommen zu werden, aber wir haben immer gesagt, Alina gibt das „Tempo“ an, sie entscheidet, wann und wie sie ihr Umfeld informiert und wir können sie während der Veränderung ihres Körpers nur begleiten und für sie da sein, wenn sie uns braucht. Ich denke, da sie während ihres letzten Jahres auf dem Gymnasium mitbekommen hat, wie ihre Mitschüler auf das Outing eines Schulkollegen, dass er schwul sei, reagiert haben, war ihr klar, dass es hier auf dem „Dorf“ für sie viel schlimmer werden würde als für diesen Jungen. Da sie selbst lange nicht wusste, was mit ihr ist und glaubte, als Junge dürfe sie so nicht fühlen, denke ich, dass sie selbst diese Zeit brauchte, um sich zu akzeptieren und mit diesem Selbstbewusstsein diesen schweren Weg zu gehen.

Wir möchten uns auf diesem Weg bei all ihren Freunden bedanken, dass sie für Alina da sind und ihr helfen, wenn es ihr mal nicht so gut geht. Es ist für uns schön zu wissen, dass sie so gute Freunde hat, da wir nicht um die Ecke wohnen.

Vielleicht hilft dieser Beitrag anderen Eltern mit transsexuellen Kindern, vielleicht auch nicht, aber wenn jemand noch Fragen dazu hat, darf er sich gern melden.