Ein wenig Geschichte, Teil 6: Vieles wird anders

Im heutigen Artikel der „Ein wenig Geschichte“-Reihe möchte ich auf meine Vornamens- und Personenstandsänderung sowie den Beginn meiner Hormontherapie eingehen. Dinge also, die schon im Verlauf der Entwicklungen hier im Blog dokumentiert wurden, zu denen ich aber noch keinen richtigen Rückblick geschrieben habe. Hier findet ihr Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 5.

Irgendwann 2013 fragte ich meine Therapeutin, wie es eigentlich um Hormone stünde. Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht gesichert, was die Hormone wirklich bewirken könnten und was nicht und war mir nicht so ganz sicher, ob ich welche wollen würde. Wenn zumindest vieles von dem, was ich gehört hatte, stimmen würde, wären sie für mich schon ziemlich interessant, aber ich wollte mich nicht auf Halbwissen verlassen.

Mein Therapeutin selbst konnte mir meine Fragen zu dem Thema nicht beantworten und riet mir, mich an eine Endokrinologin wenden, die zu dem Zeitpunkt in Karlsruhe die wohl bekannteste und beliebteste Endokrinologin mit Kenntnissen im Bereich Transsexualität war. Ich ließ mir dort einen Termin geben, bei dem auch direkt Blut abgenommen wurde, um zu meinen Hormonspiegel zu prüfen. Dort konnte ich dann auch nachfragen, welche Auswirkungen eine Hormontherapie denn nun tatsächlich hätte. Ich entschied, dass die Wirkungen für mich deutlich schwerer wogen als die potentiellen Nebenwirkungen und bekam von meiner Therapeutin für den nächsten Termin bei meiner Endokrinologin ein Indikationsschreiben, welches für den Beginn der Behandlung nötig war.

Die Behandlung begann dann Ende Sommer 2013 und wird vermutlich mein ganzes Leben lang andauern. Die erste Zeit war scheußlich, da die Hormone auch psychisch eine Art zweite Pubertät auslösten und eines der Medikamente anfangs zu hoch dosiert war. Ich erlag einem absolutem Gefühlschaos. Nach Reduktion der Dosis ging es mir deutlich besser, trotzdem war die Umstellungsphase… interessant. Nicht nur mein Körper veränderte sich, ich sehe die Welt auch seit dem ein bisschen aus anderen Augen, reagiere manchmal anders als früher. Das Medikament, dessen hohe Dosis das Gefühlschaos auslöste ist übrigens das, welches ich mittlerweile komplett gewechselt habe, da es bei mir Depressionen auslöste, die Anfang dieses Jahres damit gipfelten, dass ich mich in psychiatrische Behandlung begab und immer wieder sogar mit Suizidgedanken zu kämpfen hatte.

Mittlerweile muss ich sagen: Die Depression war schlimm genug, dass es für mich besser gewesen wäre, die Hormone abzusetzen, hätte ich keine Alternative gefunden. Sie haben meine Lebensqualität massiv verschlechtert. Seit dies aber wieder behoben ist, bin ich rundum glücklich und zufrieden mit der Hormontherapie. Ich fühle mich wohler in meinem Körper und auch die psychischen Änderungen begrüße ich.

Ende 2013 beantragte ich dann die Änderung meines Vornamens und meiner Geschlechtszugehörigkeit. Meistens spreche ich nur von der „Namensänderung“, weil das Wort auch so schon lang genug ist. Mit der Namensänderung ging einher, dass ich zwei psychologische Gutachten brauchte. Grundsätzlich ist es so, dass das Amtsgericht die Gutachter benennt, aber eins kann dem Gericht GutachterNinnen vorschlagen. Ich hörte mich also etwas um, welche GutachterNinnen in der Umgebung umgänglich sind und erfuhr zwei Namen, die ich dann auch in meinem Antrag nannte. Die GutachterNinnen wurden genehmigt, es ging daran, mit diesen Termine abzumachen.

Die Sitzungen bei den GutachterNinnen gingen jeweils etwa zwei Stunden und ich wurde über verschiedenste Dinge ausgefragt. Am Ende hieß es jeweils, dass es noch dauern würde, bis die Gutachten auch wirklich fertig sein würden und es könnte sein, dass doch noch weitere Sitzungen nötig sein würden, um die Entscheidung zu treffen. Ich hatte Glück, dies war nicht der Fall. Nach einiger Zeit erhielt ich postalisch die Gutachten und noch etwas später eine Vorladung zum Amtsgericht. Dort wurde ich ein letztes Mal darüber aufgeklärt, was die Namensänderung für Konsequenzen hat. Nachdem ich bestätigte, dass diese mir bekannt sind, bekam ich sogar direkt bereits einen vorläufigen Beschluss über die Änderung. Wenige Wochen später kam der endgültige Beschluss per Post. Das war im April 2014.

Für mich ist die Namensänderung einer der wichtigsten Schritte auf meinem Weg gewesen. Es fühlt sich so unglaublich richtig an, endlich auch offizielle Dokumente guten Gewissens mit diesem Namen versehen zu können. Ich muss niemanden mehr erklären, dass in meinen Unterlagen zwar ein männlicher Name steht, ich aber bitte trotzdem Alina genannt werden möchte, denn in den Unterlagen steht jetzt Alina. Wie groß die Last war, die damit von mir abfiel, wurde mir erst nach und nach bewusst.

Für die bürokratischen Hintergründe zum Thema Namensänderung und Hormone, kann ich die entsprechenden Unterseiten meines transsexuellen Weges empfehlen. Außerdem sind vielleicht auch die Tags Hormone und Namensänderung interessant.

Ein Teil fehlt noch in der Reihe „Ein bisschen Geschichte“ um im Dezember 2015 anzukommen, nämlich der Teil darüber, wie sich mein Denken in dem letzten Jahr verändert hat. Ich betrachte meine Transsexualität mittlerweile noch mal aus anderen Augen. Um das wirklich erklären zu können, muss ich erst ein, zwei weitere Artikel schreiben, auf die ich dann im siebten Teil der Reihe verweisen kann. Ich hoffe, dass klappt noch alles im Rahmen des Adventskalenders.

Alina

Löffel

Contentwarning: Dieser Artikel umfasst die folgenden Themen: Depressionen

Heute ist so ein Tag, an dem ich, obwohl ich meine Depressionen hinter mir habe, merke, dass mir langsam die Löffel ausgehen.

„Löffel?“, höre ich euch fragen. Ja, Löffel.

Die Spoon Theory ist ein Artikel, in dem eine junge Frau beschreibt, wie sie ihrer besten Freundin versucht zu erklären, wie sich ein Leben mit ihrer Krankheit anfühlt. Sie greift spontan zu einer Analogie – die beiden sitzen gerade in einem Restaurant und sie sammelt einige Löffel zusammen und gibt ihrer Freundin diese. Dann lässt sie sie aufzählen, was sie an einem normalen Tag für Erledigungen zu tun hat. Bereits als ihre Freundin ihr sagt, dass sie aufsteht, sich fertig macht und zur Arbeit geht, unterbricht sie sie. Um das alles zu tun, müsse sie erst einmal aus dem Bett kommen. Duschen. Sich anziehen. Ihre Medikamente nehmen. Und jede dieser Tätigkeiten kosten Löffel. Bevor sie überhaupt zur Arbeit aufbrechen kann, sind von zwölf Löffeln nur noch sechs übrig.

Sie erklärt ihrer Freundin, dass es manchmal möglich ist, vom nächsten Tag schon Löffel zu „borgen“, doch das bedeutet, dass der nächste Tag noch härter wird. Und was, wenn morgen etwas Unvorhergesehenes passiert? Sind dann überhaupt noch genug Löffel da, um das durchzustehen?

Die Spoon Theory ist meiner Meinung nach ein ziemlich gutes Sinnbild dafür, wie auch ich mich mit meiner Depression gefühlt habe – ich hatte konstant nur knapp genug Löffel, um über den Tag zu kommen, wenn überhaupt. Selten hab ich mal ein paar Löffel zusätzlich sammeln können, durch Aktivitäten, die mir guttaten. Aber niemals konnte das ewig halten. Und jetzt, wo ich diese Theorie kenne, merke ich, dass ich auch heute nicht endlos viele Löffel habe. Ich hab jetzt rund eineinhalb stressige Wochen hinter mir. Es war durchaus eine schöne Zeit, die ich hatte, aber ich bin froh heute Abend endlich wieder etwas länger Zeit nur für mich zu haben, um mich zu erholen. Ich hab gemerkt, dass ich die letzten Tage über immer reizbarer und müder wurde. Aber was ich jetzt erlebe ist harmlos im Gegensatz dazu, wie es mir in der ersten Jahreshälfte ging.

Mittlerweile frage ich Leute oft nicht mehr nur, ob sie Zeit und Lust haben, etwas mit mir zu unternehmen, sondern auch, ob die Löffel dafür da sind. Ich kenne mittlerweile einige Leute, deren Löffel knapp bemessen sind und auch schöne Dinge können durchaus Löffel kosten. Skype-Gespräche, gemeinsame Ausflüge, auch diese Dinge können an schlechten Tagen mehr Löffel fressen als sie generieren. Es macht zwar Spaß, aber es ist auch anstrengend.

Die Löffeltheorie ist für mich nicht absolut perfekt. Ich merke, dass für mich selbst nicht alles nur ein Plus oder ein Minus an Löffeln bedeutet, die Zusammenhänge sind da komplexer. Aber um zu veranschaulichen, wie sich so etwas anfühlt, ist die Theorie meiner Meinung nach ziemlich gut.

Alina

Twitter, Twitch und co

Während ich auf Twitter immer wieder auf diesen Blog verweise, erwähne ich hier meistens nur am Rande, dass ich auch abseits dieses Blogs ziemlich aktiv im Internet bin. Heute möchte ich auch diese Rückrichtung abdecken.

Twitter und Twitch begannen für mich damit, dass ich mir vor rund drei Jahren einen Account auf Twitch anlegte: twitch.tv/grufty (oder noch kürzer: grufty.tv). Twitch ist eine Plattform für Livestreams. In aller Regel werden dort Videospiele gestreamt, also Bild und Ton ins Internet übertragen und jedmensch, dier auf der Seite ist, kann zusehen. Meistens wird dazu noch über ein Mikrofon ein Live-Kommentar aufgenommen und mit ausgestrahlt, manchmal wird dabei auch die Webcam mit abgegriffen, um die Reaktionen der streamenden Person verfolgen zu können. Diese ist dabei nicht nur SpielerNin, sondern auch KommentatorNin und EntertainerNin. Große StreamerNinnen können heutzutage nur mit solchen Streams ihren Lebensunterhalt sichern.

In der Zeit, als ich Twitch entdeckte, war ich gerade an der Entwicklung eines Videospiels beteiligt. Ich kam gerade an einen toten Punkt, an dem die Entwicklung für mich frustrierend wurde, da ich an einem großen, komplexem System arbeitete und das Team mir wenig Feedback geben konnte. Ich entschied mich auszuprobieren, ob ich in Livestreams mehr Feedback bekommen würde und begann nach einem Test-Wochenende, welches gut lief, tatsächlich regelmäßig die Arbeit an diesem Projekt zu streamen. Obwohl die meisten Zuschauer wenig von dem verstanden, was ich tat, waren sie von den Zwischenergebnissen begeistert und schauten die Streams regelmäßig, was meiner Motivation unglaublich gut tat. Bald begann ich, nicht nur die Spielentwicklung zu streamen, sondern auch „klassische“ Videospielestreams abzuhalten. Ich hatte das Glück, mich mit einigen deutlich größeren Streamer anzufreunden, die meine Streams verbreiteten und meine Zielgruppe deutlich erweiterten. In dieser Zeit kam ich das erste Mal mit Twitter in Berührung.

Twitter ist eine Art Kurznachrichten-Soziales-Netzwerk. Auf Twitter kann eins beliebigen Accounts folgen und bekommt ab dann auf der eigenen Startseite alle Kurznachrichten, genannt Tweets, der Personen zu sehen, denen eins folgt. Eins kann natürlich auch selbst diese Nachrichten schreiben und eigene Follower gewinnen. Was Twitter besonders macht, ist, dass Tweets auf 140 Zeichen begrenzt sind. Nachdem meine Streams hin und wieder von größeren Streamern auf Twitter angekündigt wurden, entschloss ich mich, twitter.com/die_grufty an zu legen. Dort schreibe ich bis heute vor allem über meine Streams, seltener auch einmal über Videospiele(entwicklung) allgemein.

Mit der Zeit wurden meine Streams größer und mein Twitteraccount bekannter. Gerade Twitter wurde viel von meiner neu begründeten Community genutzt, um mit mir zu kommunizieren, weshalb ich ziemlich bald einen zweiten Account nur dafür eröffnete, um dort privateren Kontakt zu meiner Community zu halten: twitter.com/andere_grufty. Dort schreibe ich deutlich mehr als auf diesem Blog, dafür auch deutlich kürzere Beiträge und noch ungeordneter als ich hier schreibe. Die Themen Videospiele, Uni, Transgender, Feminismus und diverse weitere schneide ich dort an, albere aber auch gern einfach herum.

Ich besitze noch einige weitere, spezifischere Twitter-Accounts, auf die ich Themen ausgelagert habe, die ich immer wieder anschneide, von denen ich aber möchte, dass Follower die Wahl haben, ob sie das Thema interessiert. Allen voran wäre da twitter.com/schreibe_grufty zu nennen, wo ich über’s Schreiben schreibe, ins Besondere verschiedene Kurzgeschichten und einen Roman.

Interessant mag auch noch ask.fm/grufty sein. Ask ist eine Plattform, auf der Menschen Fragen an andere Menschen, die dort einen Account haben, stellen können, die diese dann hoffentlich irgendwann beantworten. Das tolle ist, dass eins keinen Account braucht, um dort Fragen zu stellen. Aber das Problem an Ask ist, dass eins dort keinen Account braucht, um Fragen zu stellen. Ja, das ist die gleiche Begründung. Glücklicherweise hab ich aber bisher nicht erlebt, dass ich dort zu viele Unsinnsfragen bekommen habe. Oder der Unsinnslevel der Fragen war auf einem Niveau, welches ich unterhaltsam fand.

Das ist so der Rundumschlag, auf welchen Plattformen ich abseits meines Blogs aktiv bin. Falls jemand dadurch neugierig wurde, schaut gern vorbei, ich freue mich jedes Mal!

Alina

Update: Offenbar sind auf ask.fm doch mittlerweile keine Fragen ohne Account mehr erlaubt, allerdings kann eins mit einem Account auch anonyme Fragen verschicken. 

Rückblick auf meine Zeit in Therapie

Contentwarning: Dieser Artikel umfasst die folgenden Themen: Depressionen (erwähnt)

Ich bin seit Ende 2012 in Therapie, anfangs vorwiegend als Stütze im Bezug auf meine damals noch recht frisch erkannte Transsexualität und begleitend zur später folgenden Hormontherapie. Diesen Monat werde ich meine vorerst letzte Sitzung haben und finde, es ist an der Zeit, darüber zu schreiben, wie ich die Therapie wahrgenommen habe.

Als ich mit der Therapie anfing, war mich nicht klar, wie viele verschiedene Therapieformen es gibt und dass TherapeutiNinnen, PsychologNinnen und PsychiaterNinnen unterschiedliche Aufgaben haben. Das war für mich alles Synonym. Bis heute habe ich die Unterschiede eher im Gefühl, als sie wirklich zu kennen. TherapeutNinnen sind offenbar eher die Leute, mit denen eins regelmäßig Probleme bespricht. PsychologNinnen stellen Diagnosen und analysieren, PsychiaterNinnen verschreiben Medikamente. Es scheint nicht ganz unüblich zu sein, dass einzelne Personen mehrere Rollen wahrnehmen, da die Felder mindestens nah beieinander liegen, wenn sie nicht sogar ineinander über fließen. Wie gesagt, das ist keine offizielle Abgrenzung sondern vor Allem mein Gefühl, hat mir aber zum Verständnis viel geholfen. Es gibt dann noch weitere Unterteilungen, nicht alle TherapeutNinnen sind psychologische PsychotherapeutNinnen. Ich weiß da aber im Wesentlichen bis heute nur, dass darin verschlüsselt ist, was genau die Person studiert hat und wie lange sie noch gelernt hat und das meine Therapeutin als psychologische Psychotherapeutin gut zu mir gepasst hat. Übersichtlich geht meiner Meinung nach anders.

Die Unübersichtlichkeit hatte auch anfangs zur Folge, dass ich mir gar nicht sicher war, was ich eigentlich bräuchte und wofür: Für die begleitende Therapie, die mir dann auch ermöglichte, ein Indikationsschreiben für die Hormone zu bekommen, war meine Therapeutin die richtige Anlaufstelle. Für den Antrag auf Namensänderung brauchte ich wiederum zwei PsychologNinnen.

Ich finde diese Unübersichtlichkeit tatsächlich problematisch. Für mich selbst war es damals so, dass es ein Haufen Arbeit war, das alles soweit zu verstehen, dass ich wusste, an wen ich mich wenden konnte. Wenn nun ein Mensch in einer schwierigen Situation in seinem Leben Hilfe sucht, sollte nicht erwartet werden, dass dieser Mensche diese Arbeit noch erledigen kann, sie ist im Bedarfsfall ein unglaubliches Hindernis.

Die Therapie selbst war für mich allen voran eine interessante Erfahrung. Ich muss zugeben, nicht immer ganz mit meiner Therapeutin zufrieden gewesen zu sein. Insbesondere, wenn es mir mit meinen Depressionen schlecht ging, konnte sie mir wenig nützliche Ratschläge geben beziehungsweise ich hab den Eindruck, ihr war nicht immer klar, wie schlecht es mir zwischendurch ging. Bedenkt eins aber, dass ich dort ja war, um eine Stütze im Falle von Problemen mit meiner Transsexualität zu haben, kann ich ihr das eigentlich nicht verübeln. Etwas schade fand ich allerdings, dass sie wenig vertraut mit Themen wie zum Beispiel der Namensänderung war. Klar, sie ist keine Beratungsstelle, aber da sie auch vielen trans Menschen hilft, hätte ich erwartet, dass sie etwas mehr Wissen über diese Themen hätte als ich es damals hatte. Ich musste mir alle Infos immer online zusammensuchen oder befreundete trans Menschen fragen.

Insgesamt kann ich schwer einschätzen, wie viel mir die Therapie gebracht hat. Ich hatte nie das Gefühl, zu große Probleme aufgrund meiner Transsexualität zu haben und nahm die Therapie vor Allem als Absicherung wahr, falls doch Probleme aufkämen. Ich kann aber nicht behaupten unzufrieden zu sein. Hin und wieder haben die Gespräche mir geholfen, Gedanken zu sortieren, die sich nur im Gespräch sortieren ließen. Dafür hätten mir vermutlich oft auch Gespräche mit anderen Menschen geholfen, aber im Therapieverhältnis hab ich da doch noch etwas anders über einige Themen sprechen können als mit Freunden.

Anfang des Jahres war ich dann ja auch noch 5 Wochen in einer psychiatrischen Tagesklinik. Ich habe darüber im verlinkten Post schon etwas geschrieben, aber das Fazit der Zeit war: Es hat mir sehr geholfen. Ich war dort aufgrund meiner immer schlimmer werdenden Depressionen und wurde dort aus meinem kaum noch zu ertragenden Alltag heraus gerissen. Ich verbrachte meine Tage dort und nur meine Abende und Nächte zu Hause, was mir schon allein gut tat. Dann lernte ich dort mit Problemen besser umzugehen, lernte, mehr auf mich selbst zu achten, deutlicher Bedürfnisse und Wünsche zu kommunizieren, Probleme anzusprechen. Den Stein für einige Fähigkeiten brauchte tatsächlich bereits vor der Tagesklinik eine Beziehung ins Rollen, aber in der Tagesklinik verbesserte ich sie noch deutlich. Ich bin immer noch sehr glücklich drüber, diese Dinge gelernt zu haben, denn sie sind nicht nur in der Depression nützlich, sondern allgemein im Umgang mit schwierigen Situationen.

Aber so gut mir die Tagesklinik tat: Das Individuum kam dort ziemlich kurz. Ich hatte das Glück, dass mir das Therapieprogramm dort viel brachte, ich weiß aber von einigen Menschen, die mit dem Programm nichts anfangen konnten. Da es nicht individualisierbar war, brachte sie die Tagesklinik daher nicht voran. Weiterhin ließ sich ein Termin nur telefonisch ausmachen. Da ich insbesondere während der Depression ja ziemliche Probleme mit Telefonieren hatte, ist es eigentlich einem guten Freund zu verdanken, dass ich überhaupt einen Platz bekommen habe. Er hat mich in einem Moment, in dem es mir einigermaßen gut ging, genug dazu gedrängt, dort anzurufen, dass ich es tat. (Gedrängt ist dabei nicht als Zwang zu verstehen; ich hab ihn in einem schlechten Moment darum gebeten, mich in einem guten Moment davon zu überzeugen, anzurufen.)

Alles in allem hab ich sehr positive Erfahrung mit Therapien gemacht, muss allerdings sagen, dass es im Bedarfsfall verdammt schwer ist Hilfe zu finden, die dann auch noch passen muss. Eigentlich viel zu schwer. Wenn eins diese Hilfe aber erst einmal gefunden hat, kann das unglaublich nützlich sein und gut tun.

Libido

Contentwarning: Dieser Artikel umfasst die folgenden Themen: Sex

Ich möchte in diesem Post über ein Thema sprechen, über das ich bisher nie öffentlich gesprochen habe, nämlich über den Einfluss der Hormone auf meine Libido. Ich werde hier nicht auf irgendwelche Vorlieben oder derlei Dinge eingehen, sondern möchte einfach aufzeigen, was für einen starken Einfluss Hormone auf diesen Aspekt meines Lebens hatten und haben. Ich hab lange überlegt, ob ich dieses Thema ansprechen möchte, hab es ja auch etwa 1,5 Jahre tatsächlich nicht angesprochen, fühle mich mittlerweile bei dem Thema aber sicherer und halte es sowieso für ein eigentlich wichtiges Thema.

Die Hormone hatten und haben einen ziemlich großen Einfluss auf meine Libido. Vor meiner Hormontherapie war sie für mein Wohlgefühl unangenehm hoch. Ich hatte ziemlich oft sexuelles Verlangen, selbst wenn ich es in den Momenten als störend und ablenkend empfand, was mir tatsächlich auch viel Freude am Sex genommen hat. Wie gesagt will ich nicht zu sehr in die Details gehen, aber das war anstrengend.

Mit der Hormontherapie ließ die Libido deutlich nach. Diese Wirkung setzte tatsächlich ziemlich früh ein, nach wenigen Wochen, wenn ich mich recht erinnere. Ich empfand es als große Entlastung. Das Interesse an Sex mit anderen oder mir selbst war lange Zeit kaum vorhanden. Dass ich vorher ständig das Bedürfnis danach hatte und Sex dadurch zur reinen Bedürfnisstillung geworden ist, hatte die Konsequenz, dass jetzt ohne das Bedürfnis erst recht kein Interesse daran vorhanden war. Erst einige Monate später entwickelte ich wieder ein Interesse an Sex und eigentlich zum ersten Mal „aus freien Stücken“, ohne dass ich ein körperliches Verlangen danach verspürte.

Ich bin mittlerweile an einem Punkt angekommen, an dem ich Sex endlich als etwas schönes empfinde. Eins könnte also fast schon sagen, dass mir die Hormone dabei geholfen haben, mich selbst besser kennen zu lernen. Leider kommt das aber auch mit hohen Kosten. Die fehlende Libido sorgt dafür, dass ich es deutlich schwerer habe, körperlich zu klassischem Sex in der Lage zu sein. Ich habe mittlerweile oft genug erlebt, dass ich nicht dazu in der Lage war, eine Erektion zu bekommen. Ich habe daher mittlerweile das auch gar nicht mehr als Ziel, wenn ich mit Menschen intim werde – die Intimität ist Selbstzweck, ein Orgasmus ein i-Tüpfelchen. Das war gerade anfangs ungewohnt und frustrierend, weil ich es so bis dahin nicht kannte, aber nach einer Zeit der Umgewöhnung muss ich sagen, dass es mir so eigentlich fast besser gefällt. Seit nicht mehr ein Orgasmus das Ziel von Intimität und Sex ist, nehme ich mir mehr Zeit für Dinge, die ich bis dahin höchstens als Vorspiel betrachtet habe und lerne, dass diese auch einen ganz eigenen Reiz haben und für mich auch schön sind. Sehr anders, aber schön.

Kurzum: Durch die Hormone ist es deutlich schwerer, eine Erektion zu bekommen und auch das Bedürfnis nach Sex ist deutlich gefallen. Insgesamt war das für mich direkt mehrmals eine Umstellung, mittlerweile bin ich aber ziemlich glücklich mit dem Status Quo.

Pen and Paper

Immer mal wieder habe ich in diesem Blog schon von sogenannten Pen and Paper Rollenspielen, oder kürzer P’n’Ps oder P&Ps, gesprochen. Ich habe aber noch nie wirklich erklärt, was diese Spiele eigentlich sind und was für welche ich spiele. Ich verwende in diesem Artikel wieder an einigen Stellen geschlechtsneutrale Sprache.

P&Ps funktionieren sind Spiele, bei denen einer SpielleiterNin eine Geschichte erzählt, während die MitspielerNinnen jeweils einen Charakter spielen. Diese Charaktere sind die ProtagonistNinnen der Geschichte. Während die SpielerNinnen also mit diesen Charakteren Einfluss auf die Geschichte nehmen können, wird diese von diem SpielleiterNin erzählt, xier bestimmt was passiert und was nicht, xier erzählt, wie die Welt aussieht, was die Charaktere wahrnehmen, wie andere Charaktere auf die SpielerNinnencharaktere reagieren und so weiter und so fort. Dier SpielleiterNin ist in den meisten P&P-Systemen allmächtig, darf alles einfach beschließen, aber xieser Aufgabe ist es, eine Geschichte zu erzählen, an der alle beteiligten Spaß haben.

Ich erwähnte gerade so nebenher, dass es verschiedene „Systeme“ gibt – die meisten dieser Systeme sind eine Mischung aus Weltbeschreibung und Regelwerk. Schauen wir uns diese beiden Dinge doch mal etwas genauer an.

Regelwerke sind wichtig, da die obrige Beschreibung, wie ein P&P abläuft noch sehr von SpielleiterNinnenwillkür dominiert ist. Wenn dier SpielleiterNin einfach entscheiden darf, welche Aktion der SpielerNinnencharaktere funktionieren und welche scheitern, kann es sich für die SpielerNinnen unfair anfühlen und vor Allem weiß dier SpielleiterNin vielleicht auch gar nicht immer, was klappen kann und was nicht. Dafür gibt es sogenannte Proben und bei diesen kommt der namensgebende Aspekt von Papier und Stift zur Geltung:

Die SpielerNinnen besitzen sogenannte Charakterbögen, die im Wesentlichen Zettel sind, auf denen einige verschiedene Eigenschaften des zugehörigen Charakters notiert sind, oft mit zugehörigen Werten. Aus diesen Werten wiederum werden Proben abgeleitet, die meistens durch Würfelwürfe durchgeführt werden. Das Schwarze Auge, kurz DSA, ein System, dass ich viel spiele, handhabt das zum Beispiel so, dass ich bei einfachen Proben einfach auf meinem Charakterbogen den passenden Wert suche und dann versuche mit einem zwanzigseitigem Würfel den Wert zu treffen oder zu unterbieten. Habe ich einen Mut-Wert von 14, dann bedeutet das, dass eine 1 bis 14 auf einem zwanzigseitigem Würfel einer gelungenen Mut-Probe entsprechen, während 15 bis 20 ein scheitern bedeuten. Diese Probe werden immer dann zu Rate gezogen, wenn dier SpielleiterNin unsicher ist, wie ein Ereignis ausgeht: Bin ich geschickt genug den Baum herauf zu klettern? Bin ich stark genug, eine Tür aufzubrechen?

Die meisten Systeme bieten aber wie gesagt nicht nur einen Regelkatalog, sondern beschreiben oft auch eine erfundene Welt. Bei DSA ist das zum Beispiel die Welt Dere und vor allem der Kontinent Aventurien, der beschrieben wird. Dadurch, dass die Autoren des Systems die Welt schon ziemlich detailiert beschrieben haben, weiß ich zum Beispiel, dass in der südlichen Hälfte Aventuriens eine große Wüste liegt und das es verschiedene zauberbegabte Wesen gibt. Ich weiß, dass die Welt an das Mittelalter angelehnt ist, es aber Drachen und andere Fabelwesen gibt. Ich kann nachschlagen, wie teuer genau diese eine Taverne in diesem einem Ort ist und kann vielleicht sogar erfahren, dass der Wirt dort mit seiner Frau drei Kinder hat. Ja, DSA geht an einigen Stellen tatsächlich so weit in die Tiefe. Einerseits ist das ein Vorteil, weil sich andere die Mühe gemacht haben, eine möglichst konsistente Welt zu erfinden, andererseits kann dieser Detailgrad auch einengen. Wie sehr eins sich also an offizielle Quellen hält, ist Geschmackssache. (Die Konsistenz ist übrigens natürlich trotzdem nicht perfekt; es gab Publikationen zu DSA, die den Preis von Weizen teurer ansetzten als den der Menge Brot, welches aus diesem hergestellt werden konnte. Bäcker müssten also Verluste machen.)

Es gibt immer wieder Systeme, die ohne Regelwerk oder ohne Welt daher kommen. Die Systeme ohne Welt versuchen meist, die Regeln so offen zu halten, dass sie in beliebigen Welten spielbar sind. Zumindest im kommerziellen Bereich sind Systeme ohne Regeln dafür eher selten. Vermutlich, weil potentielle Kunden dann auch noch ein System mit Regeln dazu kaufen müssten, was viele verschrecken könnte. Was es häufiger gibt, sind jedoch Abenteuer, die an kein System gebunden sind.

Abenteuer sind im Wesentlichen einzelne Geschichten. Dort steht dann drin, das die Königin auf die SpielerNinnencharaktere zukommt, weil ihr einziges Kind von einem Drachen entführt wurde und beschreibt möglichst alles, was für die Rettung nötig ist, inklusive des Plottwists, dass in Wahrheit der Spross der Königsfamilie den Drachen entführt hat, nicht umgekehrt. Abenteuer sind oft für bestimmte Systeme und ihre Regeln und Welten beschrieben, aber gerade bei HobbyautorNinnen finden sich oft Abenteuer, die an kein System gebunden sind. Dazu gehört auch Tiefenrausch, ein Abenteuer in einem Horror-Setting, das zwar ein System vorschlägt, aber nicht in der offiziellen Welt spielt und auch mit beliebigen anderen Regeln gespielt werden könnte. Tiefenrausch hat Trial, hier im Blog in den Zeiten, in denen ich keine Namen nannte auch als „Der Biertige“ bekannt, erfunden und ich bin gerade dabei dieses Abenteuer zu überarbeiten und in einen Zustand zu übertragen, in dem es vielleicht sogar veröffentlicht werden könnte.

Nun habe ich zumindest zwei „Systeme“ bereits erwähnt, die ich spiele: DSA spiele ich wöchentlich und auch für Tiefenrausch habe ich aktuell wieder eine Runde. Bei DSA bin ich Spielerin, Tiefenrausch leite ich. Weiterhin spiele ich Dungeons and Dragons, ein Urgestein unter den Rollenspielen mit starken Fokus aufs Kämpfen. Es spielt zwar wie DSA an in einer Fantasy-Welt, aber es spielt sich durch den anderen Fokus vollkommen anders. Eine Weile ausprobiert habe ich noch Vampire: The Masquerade und Shadowrun. Vampire spielt in einer Variation der Realität, in der es Vampire gibt, die im Hintergrund die Fäden ziehen und versuchen ihre Parallelgesellschaft geheim zu halten, während Shadowrun dem Cyberpunk-Genre angehört – es spielt auf der Erde in rund 50 bis 60 Jahren, in einer Welt, in die Magie eingekehrt ist, die aber gleichzeitig hochtechnologisiert und dazu unglaublich korrupt ist. Immer Mal wieder probiere ich aber auch hier und dort andere Systeme aus, zum Beispiel Ratten!, Los Muertos oder Dungeon Slayers. Unbedingt mal ausprobieren will ich Plüsch, Power & Plunder, bei dem eins Plüschtiere spielt.

Soviel zum Rundumschlag zum Thema Rollenspiele. Wenn ich in Zukunft von P&Ps berichte, wisst ihr, wovon ich spreche 😀

Alina

Ein wenig Geschichte, Teil 5: Erkenntnisse und erste Schritte

Wer schon 2011 mitgelesen hat, kennt vielleicht noch die Reihe „Ein wenig Geschichte“, die ich damals im Adventskalender angefangen habe und in der ich meine Entwicklung im Bezug auf meine Transsexualität festgehalten habe. Wer sie nicht kennt: Hier findet ihr Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4. Wer die Einträge erst jetzt nachliest, sei gewarnt: Mein Schreibstil ist meiner Meinung nach deutlich schlechter in diesen alten Beiträgen. Außerdem sind viele Ansichten nicht mehr Up-To-Date, aber ich möchte sie nicht überarbeiten, sondern unverfälscht stehen lassen, wie ich die Dinge damals gesehen habe.

Der vierte Teil der Reihe endete 2011 damit, dass ich mich kurz nach dem Ende einer Beziehung befand, die ich damals als Stütze empfunden hatte und in der ich geglaubte hatte, mich frei entfalten zu können. Rückblickend muss ich sagen: Das stimmt nicht so richtig. Auch in der Beziehung habe ich mehrfach zu hören bekommen, dass Transvestie zwar in Ordnung ginge, und über das Thema waren die Gespräche definitiv offener, aber Transsexualität wurde auch in der Beziehung als Trennungsgrund bezeichnet. Wie schon all die Jahre vorher habe ich daher jeden Gedanken daran, dass ich vielleicht doch wirklich transsexuell sein könnte, weit von mir geschoben. Ich wollte die Beziehung nicht gefährden.

Verloren habe ich die Beziehung dann aber letzten Endes doch.

Es dauerte nach Ende der Beziehung tatsächlich nicht allzu lange, nur etwa zwei Monate, bis ich realisierte, dass ich transsexuell bin. Ich erlaubte mir zum ersten Mal seit Jahren, diese Option ernsthaft in Betracht zu ziehen und realisierte schnell, dass ich nur dann „als Mann“ unter die Leute ging, wenn meine weibliche Kleidung zur Neige ging. Ich hatte damals nicht viel Kleidung aus der Frauenabteilung und muss zugeben: Noch heute fühle ich mich in Sachen aus eben dieser Abteilung wohler, selbst wenn es Mode ist, die selbst von der Gesellschaft kein Geschlechts-Etikett aufgedrückt bekommt. (Heute bin ich allgemein der Meinung, jedmensch solle einfach tragen, was xier gut findet, eine Unterteilung der Mode in „männlich“ und „weiblich“ ist in meinen Augen einfach seltsam. Trotzdem – ich bin leider so sehr von der Gesellschaft geprägt, dass Kleidung aus der Frauenabteilung bis heute für mein Wohlbefinden ziemlich wichtig ist.)

Ich realisierte also, dass ich nur noch dann als Mann auftrat, wenn ich das Gefühl hatte, nicht überzeugend als Frau auftreten zu können. Ich realisierte, dass ich mich als Frau wohler fühlte als als Mann, dass ich mich mehr „Ich selbst“ fühle. Ich realisierte, transsexuell zu sein.

Die Erkenntnis kam Ende Januar  2012 und ich habe seit her nur ein einziges Wochenende, das genau nach dieser Erkenntnis, überhaupt noch „als Mann“ verbracht. Insbesondere im ersten Jahr hatte ich noch viele Probleme mit Misgendering, also dem beim-falschen-Pronomen-genannt-werden, später wurde es deutlich weniger. Genau gegensätzlich verhielt sich meine Empfindlichkeit auf Misgendering. War es anfangs für mich nur etwas nervig, aber nicht weiter tragisch, misgendert zu werden, so tat es immer mehr weh. Mit jedem Tag, mit dem ich mir sicherer war, dass das Leben als Frau für mich genau der richtige Weg war und ist, tat es mehr weh, ein „er“ als Pronomen zu hören. Kurioserweise hatte ich dabei aber selten Probleme in bürokratischen Angelegenheiten meinen alten Namen zu verwenden. Das kam erst deutlich später, mit der Namensänderung.

Ich hatte das Glück, 2012 ein paar weitere trans Frauen in meiner Altersgruppe kennen zu lernen, die bereits Erfahrung mit Therapie, Hormonen, Namensänderung und ähnlichen Themen hatten. Im Austausch mit diesen stellte ich schnell fest, dass ich mich mit dem verbreitesten Weg recht gut anfreunden konnte – einzig einer Geschlechtsangleichenden OP stand ich immer skeptisch gegenüber und fühle mich bis heute ohne wohl. Durch die beiden nahm ich Kontakt zu meiner Therapeutin auf, die mich bis heute begleitet, und erfuhr auch von einer Studie in Aachen, bei der es um Stimmen und Stimmwahrnehmung von trans Menschen ging und durch die ich eine Heilmittelverordnung für Logopädie bekam. Ob ich zuerst mit der Logopädie oder der Therapie anfing, weiß ich gar nicht mehr sicher, auch wenn ich glaube, dass es die Logopädie war.

Für mich waren dies die ersten großen Schritte. Über die Therapie erhoffte ich mir, irgendwann eine Indikation für eine Hormontherapie zu bekommen, was letztlich ja auch klappte, die Logopädie half mir sehr dabei, eine Stimme zu finden, die zu meinem Passing passt. Hab ich früher zwar keine tiefe, aber doch markant nach Stimmbruch klingende Stimme gehabt, so spreche ich heute deutlich sanfter und meine Stimme wird damit in aller Regel als weiblich wahrgenommen.

Im sechsten Teil dieser Reihe möchte ich auf die noch jüngeren Entwicklungen eingehen, ins Besondere auf die Auswirkungen der Hormone und die Namensänderung, aber auch darauf, wie sich allgemein mein Denken über Transsexualität verändert hat. Gerade das letzte Jahr hat mich sehr geprägt.

Alina

Vom Telefonieren

Wer meinen Blog schon länger liest, wird sich vielleicht noch daran erinnern, dass ich vor einigen Jahren einen „Adventskalender“ hatte – jeden Tag ein Blogpost. Ich möchte das auch dieses Jahr wieder probieren. Es ist zwar gerade schon 23:44 und es wird eng, diesen Blogpost wirklich noch heute fertig zu bekommen, aber ich gebe mir Mühe 😀

Einleiten will ich diesen Advent mit einem Artikel, der mir schon seit Monaten auf dem Herzen liegt, weil es etwas ist, dass mich selbst betroffen hat und wenig Beachtung findet.

In der Zeit meiner schlimmen Depression ist mir etwas besonders bewusst geworden, was mir auch vorher schon bekannt war, aber sich ohne die Depression überwinden ließ und durch sie zu einem ernsten Problem für mich wurde: Ich mag nicht mit fremden Leuten telefonieren, wenn ich ein Anliegen habe. Wenn ich angerufen werde oder es um ein Gespräch mit mir vertrauten Menschen geht, ist das kein Problem, aber wenn nicht, ist telefonieren für mich eine Überwindung. An guten Tagen brauche ich nur einige Augenblicke um mich zu sammeln und auf den grünen Hörer zu drücken, an weniger guten Tagen habe ich die Nummer gewählt und brauche mehrere Minuten, bis ich wirklich anrufe, an schlechten Tagen ist mir telefonieren schlicht nicht möglich.

Das ist keine Sache, die sich mit einem „Reiß dich doch mal zusammen, da beißt schon niemand“ beheben lässt – das Telefonieren ist einfach anstrengend für mich. Anstrengender als so mancher 10 Stunden Uni Tag. Selbst das geistig drauf Einstellen ist manchmal derart anstrengend, dass ich den Versuch abbrechen muss und den Rest des Tages für nichts anderes mehr Energie habe.

Ich weiß, dass das für Menschen, die so etwas nie erlebt haben, schwer vorstellbar ist. Ich weiß, dass es danach klingt, als suche ich nur ausreden, weil ich faul sei. Aber die allermeisten Telefonate sitzen mir dann ewig im Nacken und es belastet mich, sie nicht hinter mir zu haben. Ich will an solchen Tagen nichts lieber, als das Telefonat hinter mich zu bringen, aber mit der Depression war das oft einfach unmöglich, so sehr ich es auch wollte.

In dieser Zeit ist mir eine Sache bewusst geworden: Ich bin damit bei weitem nicht allein. Es gibt viele Menschen, denen es aus verschiedensten Gründen unangenehm ist, zu telefonieren. Das sind nicht nur Menschen mit Depressionen, ich weiß auch von einigen neurologisch-typischen Menschen ohne psychische Leiden, die trotzdem eine Abneigung gegen das Telefonieren haben. Und trotzdem, obwohl es mir ziemlich weit verbreitet scheint, gibt es dort selten Alternativen. Ärzte sind fast ausschließlich telefonisch erreichbar. Kurioserweise sogar psychiatrische Einrichtungen, die mit diesem Problem eigentlich vertraut sein sollten. Ich weiß nicht wie oft ich in der ersten Jahreshälfte E-Mails geschrieben habe, dort möglichst detailliert mein Anliegen geschildert habe und nur die Antwort „bitte rufen Sie uns an!“ bekam. Oft hab ich dann nicht angerufen. Es ging in der Zeit nicht.

Ich bin über diese starke Ausprägung hinweg. Telefonieren ist etwas, was ich immer noch ungern tu, aber ich bekomme es hin, wenn es nötig ist. Aber ich weiß, dass das nicht allen so geht. Für viele Menschen ist das ein unüberwindbares Hindernis und ich finde es mehr als Schade, dass E-Mails sich noch immer nicht als Ersatzmedium etabliert haben. Ja, natürlich, die Antworten sind damit in aller Regel etwas zeitverzögert, aber oft werden Anfragen per Post bearbeitet, aber nicht per Mail. Damit ist das Argument eigentlich hinfällig.

Ich hab auf dieses Thema wenig Einfluss. Ich kann nicht dafür sorgen, dass plötzlich die ganze Welt Mails statt Anrufe akzeptiert. Aber ich hoffe schon, dass dies vielleicht ein, zwei Menschen sehen, die sich noch nie darüber Kopf gemacht haben, wie anstrengend für manch anderen Menschen telefonieren ist, und dafür vielleicht etwas mehr Verständnis haben. Mir hätte das einiges an Problemen erspart.

Alina

Misgendering im eigenen Kopf

Ins Besondere auf ask.fm und Twitter habe ich in letzter Zeit immer wieder eine Frage mitbekommen: „Manchmal gebe ich mir in Gedanken das Pronomen, das früher für mich verwendet wurde. Heißt das, dass ich ich gar nicht trans bin?“

Ich kann euch beruhigen. Das heißt es nicht. Quasi alle Antworten, die ich auf diese Frage gelesen habe, waren sich einig: Das passiert uns allen. Und es ist kaum verwunderlich: Ich zum Beispiel hab rund 20 Jahre mit dem Pronomen „er“ gelebt. Natürlich hat sich das ziemlich eingebrannt. Natürlich dauert es dann, bis eins sich umgewöhnt hat und für sich selbst konsequent das Pronomen verwendet, welches sich besser anfühlt.

Für mich ist es bis heute so, dass ich mich immer noch hin und wieder misgendere. Das passiert besonders, wenn ich an Situationen zurückdenke, bei denen ich das Gefühl habe, sie wären anders verlaufen, hätte ich schon damals gezeigt, dass ich kein Junge bin. Ins Besondere kommt mir da spontan meine Zivildienstzeit in den Sinn. Mal ganz davon ab, dass ich keinen Zivildienst hätte machen müssen, wäre ich damals schon als Frau anerkannt worden, hatte ich dort auch transfeindliche Mitarbeiter. Diese haben glücklicherweise nie erfahren, dass ich schon damals mein Geschlecht hinterfragte, aber sie haben nicht nur zu trans Menschen, sondern auch insbesondere zu Schwulen und Lesben so viel Hass verbreitet, dass ich weiß, dass ich Schwierigkeiten bekommen hätte. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, dann drängen sich mir für mich mein falscher Name und das falsche Pronomen auf.

Mir ist außerdem aufgefallen, dass ich erwarte, beim falschen Namen gerufen zu werden, wenn ich in meinem Elternhaus bin. Das passiert dort nicht und ich bin auch froh drüber, aber ich habe bis heute die Erwartungshaltung, mit diesem Namen angesprochen zu werden. Gedanklich fange ich dort auch immer wieder selbst genau damit an.

Bin ich deshalb weniger Frau? Nein. 20 Jahre haben mich jedoch definitiv geprägt und Erwartungshaltungen trainiert. Ich fühle mich so unglaublich viel freier, seit ich als Frau lebe, für mich steht dieses Misgendering nicht im Widerspruch zum Frau-sein. Unangenehm ist es aber dennoch und ich bin froh, dass das mittlerweile nur noch selten passiert.

Kurztrip nach Bern

Letzte Woche besuchte ich das Kitten in der Schweiz. Bevor ich hier Leute verwirre: Wie es unter anderem auf ask.fm schon mehrfach beantwortet hat, ist das korrekte Pronomen vom Kitten „es“, nicht „er“ oder „sie“. Gemeinsam unternahmen wir am Donnerstag einen Ausflug nach Bern.

Los ging der Ausflug leider mit einer kleinen Enttäuschung: Wir hatten am Vortag geplant, in Bern zu picknicken, haben Brötchen und Aufschnitt dafür gekauft und uns vorgenommen vor der Abreise noch Hähnchenschenkel an einem Stand mit zu nehmen, die laut Kitten die besten sind, die es je gegessen hat – leider hatte der Stand aber genau dann Pause, als wir dort waren. Daher mussten wir uns leider ohne Hähnchen von diesem Stand in den Bus setzen. Als wir jedoch einen Bus und eine Bahn später in Bern waren, sammelten wir am Hauptbahnhof trotzdem Hähnchen ein. Lecker waren auch diese allemal.

Unserer erster Stopp war an der großen Schanze. Die Aussicht über die Stadt bis hin zu den Alpen war spektakulär! Dort ließen wir uns dann auch für eine erste kleine Mahlzeit eine Weile nieder, bevor mir Kitten einen Teil seiner Uni zeigte. Das Gebäude selbst stand direkt an der großen Schanze und war ein ziemlich altes, stilvolles Gebäude, wodurch es ziemlich interessant war, es auch von innen zu sehen. Besonders die Malereien an der Decke waren etwas, dass ich in einer Uni eher nicht erwarten würde.

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Die Aussicht von der großen Schanze. Im Hintergrund die Alpen.

 Nach dem wir aus der Uni wieder raus waren, ging es ein kleines Stück durch die Stadt, über die kleine Schanze zum Bundeshaus. Vom Bundeshaus selbst haben wir leider kein Foto gemacht, interessant war aber, dass Kitten erzählte, dass auf der Fassade des Gebäudes immer wieder märchenhafte Lichtspektakel in Anlehnung an die Geschichte der Schweiz gezeigt werden.  In diese werden wohl die Büsten an der Fassade mit involviert, indem ihnen zum Beispiel passende Kleidung auf den Leib projiziert wird.

Von dort aus ging es dann noch etwas zu Fuß weiter zur Zytglogge – einer astronomischen Uhr. Unterwegs kauften wir noch etwas ein und ich durfte die Lauben bewundern. Kurios war für mich vor allem, dass die meisten Gebäude von der Straße aus zugängliche Keller hatten, in denen es weitere Läden gab. Eine ziemlich urige Atmosphäre!

An der Zytglogge angekommen wussten wir leider nicht so genau, wann an dieser das Figurenspiel stattfinden sollte und wir entschieden daher, nicht allzu lange dort zu verweilen. Stattdessen liefen wir zur Bushaltestelle vor – das nächste Ziel war der Bärenpark. Dort angekommen mussten wir jedoch feststellen, dass dieser aktuell umgebaut wird. Keine Bären für uns 🙁 Der Bärenpark wäre im Wesentlichen ein recht weitläufiges Bärengehege gewesen.

Es ging nun für uns einen Anstieg hinauf zum Rosengarten. Der Aufstieg war ziemlich mühsam und oben angekommen war deshalb erst einmal ein zweites Picknick nötig – und ins Besondere auch reichlich Wasser. Der Ausblick entlohnte jedoch für die Mühen!

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Die Aussicht vom Rosengarten aus war wirklich toll!

Im Anschluss an das Picknick wanderten wir noch ein wenig durch den Rosengarten selbst, bevor wir uns wieder auf den Abstieg machten. Dieser war jedoch aufgrund des steilen Pfades auch nicht ganz ohne Mühen. Wir hätten einfach rollen sollen, aber leider standen da Leute im Weg 😀 Unten wurden wir dann noch von einer Katze begrüßt, bevor wir uns auf den Weg zur Aare machten.

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Katze :3

Die Aare ist ein Fluss, der um die Altstadt von Bern herum fließt. Wir mussten uns durch ein paar Gassen schlängeln, ehe wir sie erreichen konnten und standen dann am unteren Ende des Bärenparks. Von dort aus konnten wir das leere Gehege noch ein mal bewundern. Wirklich schade, dass dort ausgerechnet aktuell umgebaut wird und ich die Bären daher nicht sehen konnte. Wir wären echt nah an sie heran gekommen. Die Aare mit ihrem unglaublich hübschen Wasser entschädigte dafür aber.

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Nach etwas Zeit am Wasser machten wir uns dann auch schon auf den Heimweg. Ich bekam Kreislaufbeschwerden, vermutlich habe ich mir aufgrund des guten Wetters einen leichten Sonnenstich geholt. Zwar war am nächsten Tag wieder alles gut, aber für den Moment reichte es mir dann doch. Wir nahmen daher den nächsten Bus zurück zum Bahnhof und fuhren von dort aus weiter, zurück zu Kittens Wohnung.

Zum Abschluss noch kurz ein anderes Thema: Ich plane schon länger, einen Artikel über typische Fettnäpfchen zu schreiben, in die Menschen, die sich mit Transsexualität nicht auskennen, gern treten. Ich habe auf Twitter schon nach Anregungen gefragt. Gern nehme ich dort oder hier in den Kommentaren weitere Vorschläge an!

Alina