Fettnäpfchen

Immer wieder erlebe oder erfahre ich, dass Menschen, die sich mit Transsexualität nicht auskennen, unbedacht Dinge sagen, die viele Transsexuelle verletzten – manche mehr, manche weniger. Meistens steckt dabei keine Bosheit hinter (oder zumindest unterstelle ich, dass es so ist) sondern einfach das Unwissen darüber, wie sehr diese Aussagen verletzen können. Es sind diese sprichwörtlichen Fettnäpfchen, die es uns oft im Alltag schwermachen. Ich möchte hier auf diese Fettnäpfchen eingehen.

Ich will an dieser Stelle aber nicht nur eine bloße Ansammlung verschiedener Fettnäpfchen bieten oder anmerken, dass sie wehtun. Ich möchte erklären, warum sie es aus meiner Sicht tun und wie sie vermieden werden können. Dieser Artikel wird immer wieder erweitert werden, wenn mir neue Fettnäpfchen auffallen.

Wie gesagt ist der Artikel aus meiner Sicht, also der einer Mann-zu-Frau-Transsexuellen geschrieben. Ich bemühe mich, den Artikel so zu schreiben, dass mindestens auch Männer, die bei ihrer Geburt dem Geschlecht „weiblich“ zugeordnet wurden, beachtet werden. Viele Dinge, die ich hier nennen werde, gelten jedoch auch für Menschen, die weder männlich noch weiblich sind oder bei denen sich die Zugehörigkeit verändert oder die aus anderen Gründen nicht ins binäre Geschlechterdenken passen. Ich versuche, die Formulierungen offen genug zu halten, damit sie auch zu diesen Menschen passen, kann aber nicht garantieren, dass dies jedes Mal gelingt. Ich bin hier aber immer für Vorschläge offen!

Außerdem werde ich in den einzelnen Texten immer die LeserNinnen direkt ansprechen, als seien sie diejenigen, die in ein Fettnäpfchen getreten sind. Ich möchte hier betonen, dass ich keinen Generalverdacht hege. Es ist so nur deutlich einfacher zu formulieren, wie ich finde, zumal sich der Artikel ja durchaus primär an Menschen richtet, die glauben, sie könnten in das eine oder andere Fettnäpfchen treten. Auch uns trans Menschen kann dies übrigens passieren! Im Gegenzug bemühe ich mich aber, niemals den LeserNinnen die Schuld zu geben oder sie als böse darzustellen, sondern achte darauf, sachlich und unaufgeregt zu erklären, warum ich bestimmte Formulierungen oder Handlungen als problematisch empfinde.

Aktuell habe ich eine Liste mit über 30 Punkten, die ich hier verarbeiten möchte und sie wächst noch immer weiter. In dieser ersten Fassung werde ich noch nicht auf alle Punkte eingehen können, ich werde die Liste nach und nach abarbeiten und dabei sicher auch das eine oder andere Mal die Struktur dieses Artikels überarbeiten.

Häufig Gehörtes

  • „Du wirst ein Mann/eine Frau“

Oft findet sich diese Aussage in anderen Formulierungen verpackt wieder, aber immer ist eine Annahme daran falsch. Wir trans Menschen „werden“ nicht ein Mann oder eine Frau oder ein Mensch eines anderen Geschlechts – wir sind es schon immer gewesen. (Gut, hier bestätigt die Ausnahme die Regel: Es gibt Menschen, bei denen sich das Geschlecht tatsächlich ändert. Genderfluid und Bigender sind da zum Beispiel Schlagworte.)

Du beziehst dich mit dieser Aussage vermutlich auf körperliche Veränderungen, vielleicht auch auf rechtliche. Aber dann ist es für uns wichtig, dass du diese Frage genauer stellst. Wenn es dir darum geht, ob wir unseren Namen und unsere Geschlechtszugehörigkeit auch rechtlich ändern lassen, dann frag doch einfach danach. Wenn du wissen möchtest, ob wir Hormone nehmen und welche Konsequenzen dies haben wird, kannst du danach auch fragen – wobei du nicht davon ausgehen solltest, dass jedmensch überhaupt Hormone nehmen will. Aber die Aussage „Du wirst eine Frau/ein Mann“ impliziert, dass wir es gerade noch nicht sind, du streitest damit letztlich ab, dass wir trans sind. Und das ist etwas, das nur wir selbst wissen können.

Gleichermaßen bin ich übrigens nie ein Mann gewesen, wurde nicht zur Frau. Ich war es schon immer, auch wenn mir das lange Zeit nicht klar war.

  • „Was hast du zwischen den Beinen?“

Auch bekannt als: „Aber du hast einen Penis!“ oder „Du kannst kein Mann sein, du hast doch Brüste!“.

Zunächst einmal: „Geschlecht findet zwischen den Ohren statt, nicht zwischen den Beinen.“ – Leider habe ich nicht den Hauch einer Ahnung, wann und von wem ich das Zitat zum ersten Mal hörte, aber es ist wahr. Ich persönlich habe keine geschlechtsangleichende OP hinter mir und plane keine, kurzum: Ich besitze einen Penis. Trotzdem kann ich mich in der Rolle eines Mannes nicht wohlfühlen. Ich bin eine Frau. Ich habe lange selbst geglaubt, ich müsse ein Mann sein, weil ich einen Penis habe, aber das funktionierte für mich gar nicht. Als Frau fühle ich mich dafür plötzlich richtig und wohl – trotz Penis. Es ist übrigens jedem trans Menschen selbst überlassen, ob er eine OP braucht, um sich in seinem Körper wohlzufühlen oder nicht. Gleiches gilt für die Hormone und z.B. Logopädie.

Aber insbesondere an der Frage gibt es noch ein weiteres Problem. Tut mir leid, wenn ich jetzt doch gerade einmal ziemlich direkt werde, aber: Es geht dich nichts an, wie ich zwischen den Beinen aussehe, wenn wir nicht planen, gemeinsam im Bett zu landen!

  • „Wie lautet denn dein echter/alter/bürgerlicher Name?“

Mein echter Name ist Alina. Das war er auch schon, bevor er im Ausweis stand. Nach dem „echten“ Namen zu fragen impliziert, dass der Name, mit dem ich mich vorgestellt habe, nicht valide sei, du einen anderen für mich verwenden willst, der in deinen Augen besser passt. Es stellt im Grunde genommen meine ganze Transsexualität infrage. Auch in der Formulierung mit „altem“ oder „bürgerlichen“ Namen sollte eins vorsichtig umgehen – wird diese Frage direkt beim Kennenlernen gestellt, impliziert auch sie, dass du danach fragst, um diesen anderen Namen, der sich für mich falsch anfühlt, für mich zu verwenden. Es kann in dieser Formulierung in bestimmten Situationen wichtig sein, insbesondere wenn es um bürokratische Dinge geht, die noch auf dem alten Namen laufen. Für einige trans Menschen ist diese Frage auch in Ordnung, wenn sie aus Neugier gestellt wird, hierfür ist aber etwas Feingefühl wichtig. Für viele von uns ist die Frage verletzend, weil wir gelernt haben, dass sie fast immer gestellt wird, um uns mit diesem falschen Namen anzusprechen. Für viele andere, auch für mich, ist dieser Name aber auch einfach ein unangenehmer Teil der Vergangenheit, den wir gern vergessen würden. Kurzum: Wenn es geht, verwende bitte den Namen, mit dem wir uns vorstellen.

Außerdem ist es doch eigentlich gar nicht unüblich, sich mit einem anderen Namen als dem auf dem Ausweis vorzustellen. Viele Menschen tragen Spitznamen, insbesondere aber nicht nur auch online, die mit dem Namen auf ihrem Ausweis wenig zu tun haben, trotzdem wirst du sie bei diesem Namen nennen, wenn sie sich dir so vorstellen. Sie werden oftmals andere Gründe als trans Menschen haben, warum ihr Spitzname so anders ist, aber wenn dort die Namenswahl nicht hinterfragt wird, warum sollte sie bei einem trans Menschen hinterfragt werden?

  • „Ich nenne dich aber erst so, wenn du überall geoutet bist/deinen Ausweis hast ändern lassen!“

Es ist vielen trans Menschen nicht möglich, sich sofort überall zu outen (sei es aus Angst, den Job oder Freunde zu verlieren oder aus anderen Gründen) und eine offizielle Namens- (und Geschlechtszugehörigkeits-)änderung ist ein aufwändiger Prozess, wie ihr in meinem Artikel dazu nachlesen könnt. Diese Reaktion zu bekommen sagt für uns eigentlich aus: „Ich erkenne nicht an, dass du transsexuell bist, beweise es mir! Wenn du das nicht kannst, belügst du mich!“ – ein schwerer Vorwurf. Selbst wenn du davon ausgehst, dass es nur eine Phase oder Verwirrung oder ähnliches ist: Uns ist mehr geholfen, wenn du uns dann hilfst, uns zu orientieren. Wenn wir dich bitten, einen anderen Namen und ein anderes Pronomen für uns zu verwenden, hilft es uns in der Selbstfindung nicht, so sehr abgewimmelt zu werden. Entweder es hilft gar nicht und wir probieren uns trotzdem aus oder wir ziehen uns wegen dieser Zurückweisung zurück und fressen in uns hinein, dass wir uns eigentlich nicht dem uns zugewiesenen Geschlecht zugehörig fühlen. Das kann zu erheblichen psychischen Problemen führen, da wir uns ständig verbiegen müssen. Wenn du stattdessen unseren Namen annimmst und uns damit unterstützt, dann können wir viel besser ausprobieren, wo wir stehen, herausfinden, wer wir sind – und uns dann irgendwann wirklich vor allen outen und den Ausweis korrigieren lassen.

  • Den falschen Namen/Das falsche Pronomen verwenden

Dies passiert fast jedem Menschen im Umgang mit einem erst kürzlich geouteten trans Menschen. Manchmal passiert es auch, wenn eins den Menschen schon mit korrektem Namen und Pronomen kennenlernt. Aus irgendeinem Grund kann das Gehirn einfach mal das falsche Pronomen ausspucken. Oder, sofern bekannt, auch den falschen Namen.

Wichtig ist hier, sich bewusst zu sein, dass das falsch war und es nach Möglichkeit zu korrigieren. Gerade, wenn du mir nahestehst, verletzt es mich, wenn du einen falschen Namen verwendest, siehe auch „Ich nenn dich erst so, wenn…“. Bitte achte auch auf den Namen, wenn ich dich nicht korrigiere. Dass ich dich nicht korrigiere, heißt nicht, dass ich nicht verletzt bin. Es ist vielmehr so, dass ich meist einfach keine Energie mehr habe, dich zu korrigieren. Es ist frustrierend, jemanden immer wieder auf’s neue darum bitten zu müssen, meinen richtigen Namen oder mein richtiges Pronomen zu verwenden. Nicht nur ist es frustrierend, nein: Mit jedem Mal, das ich dich daran erinnern muss, wie mein Name lautet, fühle ich mich mehr, als würde ich etwas einfordern, das mir offenbar in deinen Augen nicht zusteht. Dabei ist es für die meisten von uns so ziemlich die wichtigste Sache, dass unsere richtigen Namen und Pronomen verwendet werden.

Wichtig ist aber auch, daraus keine endlos lange Entschuldigung werden zu lassen. Wenn sie ein falsches Pronomen verwenden, neigen viele Menschen dazu, sich danach so lange zu entschuldigen, bis ich mich schlecht fühle, sie dazu zu „nötigen“ für mich umzulernen. Wenn ich mich am Ende schlecht fühle, weil du glaubst, es sei nötig, dich so lange zu entschuldigen, ist das nicht besser, als wenn du meinen Wunsch nach einem passenderen Namen oder einem passenderen Pronomen einfach übergehen würdest. Die meisten trans Menschen fühlen sich dann im Anschluss schuldig, fühlen sich falsch. Aber wir sind nicht „falsch“. Wir sind auch nur Menschen. Es sollte einfach nichts daran besonders sein, dass ich halt eine Frau bin. Wir werden durch so ein Verhalten als „anders“ deklariert und fühlen uns deshalb fremd. Apropos…

  • „Du bist halt etwas anders!“

Oft gefolgt von „Aber ich mag dich trotzdem/hab dich trotzdem lieb“. Aber ehrlich gesagt macht der Zusatz es nicht wirklich besser. Mit dieser Aussage wird verstärkt, dass wir etwas Fremdes sind und eine Ausnahme, Außenstehende. Ich hab rote Haare, aber würdest du mich deshalb anders nennen? Vermutlich nicht. Der Fakt, dass mir bei der Geburt ein Geschlecht zugeordnet wurde, mit dem ich mich nicht identifizieren kann, sollte keine größere Sache sein. Es hat eigentlich keine große Auswirkung auf mein Leben. Eine große Sache ist meine Transsexualität eigentlich nur deshalb, weil die Gesellschaft es zu einer macht. Täte sie dies nicht, würde ich meine Transsexualität eigentlich nie erwähnen müssen und würde nicht als anders betrachtet werden.

Dieses Andersmachen ist etwas, was mich und viele andere trans Menschen von cis Menschen distanziert, obwohl wir das eigentlich gar nicht wollen. Wir würden gern einfach unter cis Menschen (genauer: unter allen Menschen) leben und nicht groß auffallen, eben nicht als „anders“ wahrgenommen werden. Wir möchten nicht anders behandelt werden. Die Formulierung „Du bist halt anders als andere Männer/Frauen“ zeigt aber auf, dass dieser Wunsch nicht gesehen oder nicht anerkannt wird.

  • „Du bist mutig!“

Ich hab diese Aussage so oft gehört wie vermutlich kein anderes Fettnäpfchen. Zunächst einmal hat sie die gleichen Probleme, wie die Aussage eben: „Du bist anders!“ Aber es kommt noch mehr dazu. Ich bin nämlich nicht mutig. Und hier werde ich ganz persönlich schreiben, warum ich diese Aussage nicht mag, und möchte an dieser Stelle nicht behaupten, für mehr Leute zu sprechen, weil ich nicht einschätzen kann, ob es so auch für andere Menschen gilt. Meldet euch gern, wenn ihr diesen Satz auch schon gehört habt, wie es euch damit geht.

Ich bin nicht mutig. Ich bin nur den einzigen Weg gegangen, der mir blieb. Ja, die Bürokratie der Namensänderung war ein Berg von Arbeit. Die Hormonbehandlung war alles andere als einfach. Die Angst vor Ablehnung war lange allgegenwärtig und ist es ein Stück weit bis heute. Aber es war kein Mut, der mich dazu brachte, den Weg zu gehen, der hier im Blog protokolliert ist. Es gab keinen anderen Weg.

Irgendwann 2008, 2009 oder 2010 war ich an dem Punkt, an dem ich wusste: Wenn ich meinem Leben als Alina nicht mehr Raum gebe, wenn ich weiter versuche, dem Bedürfnis, ja, dem Verlangen danach, als Frau gesehen zu werden, mich selbst als Frau sehen zu dürfen, nicht nachgebe, dann gehe ich kaputt. Ich machte mir Stück für Stück mehr Zugeständnisse, was mein Trans-sein anging, weil ich musste. Im Januar 2012 war ich an dem Punkt, an dem ich gar nicht mehr so tun konnte, als sei ich ein Mann. Es ging nicht. Hätte ich mich weiter dazu gezwungen, wäre ich niemals glücklich geworden. Alte Fotos sind dafür ein gutes Beispiel – ihr werdet keine Bilder von mir zwischen meiner Pubertät und 2012 finden, in denen ich als Mann abgebildet und wirklich glücklich gewesen bin. Seit ich als Frau lebe, lasse ich mich gern fotografieren und kann auf den Bildern lächeln. Ich fühle mich plötzlich wohl. Nein, das war sicher kein Mut, der mich diesen Weg hat gehen lassen, es war die Angst davor, es sonst nie zu tun.

  • Alte Fotos

Alte Fotos sind dabei eine nette Überleitung zu etwas, über das viele Menschen vermutlich auch selten nachdenken. Für viele trans Menschen ist es schmerzlich, alte Fotos zu sehen, auf denen sie noch versuchten, in einer Geschlechterrolle zu leben, mit der sie sich nicht wohlfühlten. Oft fühlt es sich für uns so an, als ob das gar nicht wir sind auf den Bildern. Wenn ich alte Bilder von mir sehe, sehe ich dort einen jungen Mann, von denen alle behaupten, das sei ich. Ich bin zum Zeitpunkt des Fotos an dem Ort gewesen, welches das Bild zeigt, aber das bin nicht ich. Ich bin eine Frau und sehe einen Mann. Das kann nicht ich sein. Auch wenn ich persönlich offen damit umgehe, über 20 Jahre lang versucht zu haben, als Mann zu leben, kann ich die allermeisten Bilder aus der Zeit zwischen Pubertät und meinem „neuen Leben“ nicht leiden, so gar nicht. Ältere Fotos sind für mich persönlich okay, weil die für mich einfach in jeder Hinsicht einen vollkommen anderen Menschen zeigen – wobei das gleichzeitig ein Grund ist, weshalb ich allgemein Kinderbilder von mir nicht mag, aber das hat wenig mit meiner Transsexualität zu tun und daher hier nichts verloren.

Menschen, die weniger offen damit umgehen möchten, trans zu sein, werden oft noch größere Probleme mit alten Bildern haben. Aber auch Menschen, die damit so offen wie oder offener als ich umgehen, mögen es oft nicht, alte Fotos zu sehen. Diese Bilder ohne Erlaubnis anderen Menschen zu zeigen, ist dabei noch unfairer, weil damit ein Teil des Lebens von uns offengelegt wird, das wir oft nicht auf diese Art offengelegt wissen möchten.

  • Umgang mit anderen Menschen

Das wäre eigentlich fast schon eine eigene große Überschrift wert, wenn ich da auf all die Kleinigkeiten eingehen würde, von denen ich weiß. Ich werde das jetzt aber erst einmal zusammenfassend schreiben und hoffen, dass ich damit alles wichtige herüberbringen kann. Mit ein paar mir bekannten Beispielen werde ich das Ganze aber sicher veranschaulichen.

Worum es hier geht, ist, wie du mit anderen Menschen über trans Menschen sprichst. Ich kenne nämlich viele Fälle, in denen Leute zwar trans Menschen gegenüber Unterstützung zeigen, aber in Gesprächen mit anderen Menschen über die trans Menschen plötzlich ganz anders reden, zum Beispiel den falschen Namen oder das falsche Pronomen verwenden.

Hier ist es vielleicht nützlich, dir vorzustellen, der Mensch, um den es geht, stünde neben euch. Lass uns mal der Einfachheit halber davon ausgehen, dass ich das sei. Und dann frag dich im Gespräch, wie ich mich fühlen würde, wenn ich mit dabei wäre. Wie würde ich damit umgehen, wenn dein Gegenüber mich beim falschen Namen nennt? Ich würde deinem Gegenüber vermutlich freundlich erklären, dass ich so nicht heiße, sofern ich allgemein geoutet bin. In dem Falle wäre es gut, wenn du das auch tust. Wenn ich aber nicht allgemein geoutet bin und du nicht weißt, ob diese Person es wissen soll, dann nimm mir bitte das Outing nicht ab – nimm mir allgemein bitte nicht das Outing ab, wenn ich dich nicht darum gebeten habe, achte vor uneingeweihten Personen also darauf, gerade doch den eigentlich falschen Namen und das falsche Pronomen zu nutzen (auch, wenn das schwer fällt). Und achte natürlich bitte auch darauf, selbst den passenden Namen und das passende Pronomen zu verwenden. Ich weiß, das ist nicht immer ganz einfach und ziemlich viel zu beachten, dafür schätzen wir trans Menschen es sehr, wenn du dir diese Mühe machst, die für uns so wichtig ist.

Wenn du unsicher bist, wie du mit anderen Menschen über einen trans Menschen reden solltest, frag letzteren am besten selbst, statt einfach irgendwelche Annahmen zu machen. Es ist eine ziemlich schmerzhafte Erfahrung, herauszufinden, dass jemand „hinter unserem Rücken“ in unseren Augen falsch über uns spricht. Natürlich ist es hier ein Stück weit auch unsere Aufgabe zu vermitteln, wer wieviel wissen darf, aber in unseren Köpfen ist das oft selbstverständlich, weil wir damit tagtäglich konfrontiert sind. Da kann es passieren, dass eine gewisse Betriebsblindheit verhindert, dass wir das genau erklären. Außerdem ist es für uns auch oft schwer, das Gespräch hierüber selbst zu suchen, weil es uns wieder das Gefühl gibt, eben doch anders zu sein, siehe „Du bist anders!“ – es ist eine Überwindung, nach etwas fragen zu müssen, von dem wir wünschten, dass es selbstverständlich sei. Auch, wenn es für dich selbstverständlich ist, so über uns zu reden, wie wir es uns wünschen, ist es leider oft höllisch schwer, diesen Wunsch selbst anzusprechen. Vielleicht kannst du ja einfach trans Personen, die sich bei dir outen, direkt fragen, ob es Orte oder Personen gibt, die es noch nicht wissen sollen, oder ob du den Namen und das Pronomen jetzt überall verwenden sollst?

  • Ungefragte Hilfsangebote

Es ist sicher gut gemeint, wenn du uns sagst, wie unsere Körperhaltung besser zum Stereotypen unseres Geschlechts passen würde, du einer trans Frau mittelst, dass sie mit etwas Make Up sicher femininer wirke oder einem trans Mann empfiehlst, er solle sich etwas Bart stehen lassen. Aber solche Aussagen bedeuten für uns vor Allem: „Du entsprichst den Stereotypen deines Geschlechts nicht genug, deshalb wird es dir abgesprochen werde!“ Das kann oft leider sogar der Wahrheit entsprechen, aber ist für uns nicht sonderlich hilfreich. In aller Regel wissen wir selbst, an welchen Punkten unser Passing scheitert. Oft ist es dann aber so, dass wir entweder (aktuell) gar nichts dran ändern können oder es auch gar nicht wollen, was wir uns dann doch wieder verbiegen müssten – etwas was wir ja gerade zu vermeiden versuchen. Ich als trans Frau trete manchmal bewusst dominant auf, was oft als „männlich“ gelesen wird. Aber das möchte ich nicht verstehen, denn ich bin nun einmal so. Es bedeutet aber nicht, dass ich deshalb ein Mann bin, denn um als „echter Mann“ betrachtet zu werden, muss ich viel mehr verstecken.

Anders ausgedrückt: Es gehört sich einfach allgemein bei keinem Menschen, sein Aussehen oder Auftreten ungefragt zu kritisieren. Dies gilt nicht nur für trans Menschen. Falls nach Kritik gefragt wird, gilt natürlich trotzdem, dass diese konstruktiv sein sollte.

[Update:] Da ich gerade zu diesem Punkt mitbekomme, dass es für Außenstehende schwierig ist zu verstehen, dass auch gut gemeinte Ratschläge uns nicht helfen, möchte ich noch einmal betonen: Mir ist sehr bewusst, dass diese Ratschläge uns eigentlich nur helfen sollen. Wenn wir nach Kritik fragen, ist das auch sehr willkommen. Aber ungefragte Ratschläge sind nicht viel anders als Kommentare in der Richtung: „Du bist zu dick, nimm doch mal ab/zu dünn, nimm doch mal zu“ oder „Tu doch mal was gegen deine Pickel!“ – Es mag gut gemeint sein, aber es schwankt zwischen unangebracht, weil es uns bekannt ist, und verletzend, weil wir es nicht ändern können.

Für mich persönlich ist es meist deutlich näher an unangebracht als an verletzend, aber ich blende solche Kommentare dann aus, weil sie mich nicht voran bringen. Ich bin mir bewusst, dass mein Passing nicht perfekt ist, aber ich fühle mich damit sehr wohl. In aller Regel werde ich als Frau (an)erkannt, ich muss also nicht noch weiblicher auftreten, um mich was das angeht wohl zu fühlen. Mich noch weiblicher zu geben wäre mir im Gegenteil nur durch ein unangenehmes Verstellen möglich, welches ich ja gerade nicht mehr möchte.

Ich verstehe gut, dass es frustrierend ist, helfen zu wollen und dann auf scheinbar taube Ohren zu stoßen. Aber taub sind diese Ohren nicht, im Gegenteil bin ich gerade ziemlich unglücklich damit,  eine mir wichtige Person mit diesem Punkt ziemlich verletzt habe. Sie möchte mir mit ihren Anmerkungen definitiv nur helfen, dem bin ich mir sehr bewusst, daher tut es mir wirklich leid, dass mir ihr Verhalten nicht wirklich hilft. Ich hoffe, ich kann irgendwie klarer machen, dass ich mich über die Intension schon freue, aber die Ausführung für mich problematisch ist.

  • „Das ist ja deine Entscheidung“

Nein. Ich habe mir nie ausgesucht, eine Frau zu sein. Ehrlich gesagt wünschte ich, es wäre eine gewesen, dann hätte ich mich nämlich entscheiden können, als Mann glücklich zu werden. Der Weg, den ich ging, um in den meisten Belangen als Frau anerkannt zu werden, war aufwändig, wie ich zu „Du bist mutig!“ schon geschrieben habe. Hätte ich mich entscheiden können, hätte ich mich niemals freiwillig auf diesen Weg begeben, aber für mich gab es keine Entscheidung. Das Leben, das ich führte, passte nicht zu mir und ich musste das ändern.

Noch gemeiner ist diese Aussage bei Menschen, die ihr Geschlecht nicht anerkannt bekommen (können). Sei es weil sie nicht ins binäre Denken passen oder weil sie aus privaten Gründen ihr Geschlecht nicht durchsetzen können. Für diese wird es nicht in absehbarer Zeit leichter werden – während ich nach der Namensänderung und nach einiger Zeit auf Hormonen allgemein als Frau (an-)erkannt werde, ist das diesen Menschen nicht möglich und sie müssen weiter damit Leben einem falschen Geschlecht zugeordnet zu werden. Das ist alles andere als leicht und höchstens selten eine freiwillige Entscheidung. Für die meisten von uns ist es aber ein Fakt. Wir sind wie wir sind und gehören dem Geschlecht an, dem wir angehören. Entschieden haben wir das nicht.

  • „Das ist nur eine Phase“

Dies ähnelt dem Punkt „Ich nenn dich aber erst so, wenn…“. Das Problem hieran ist, dass diese Aussage das Problem überhaupt nicht ändern oder gar verbessern.

Angenommen, das ganze ist eine Phase. Was spricht dagegen, in dieser Phase den Menschen zu unterstützen? Ihn beim gewünschten Namen und Pronomen zu nennen, damit er ausprobieren kann, ob das wirklich besser passt? Wenn es dann keine Phase war, hast du dich schon einmal an den Namen und das Pronomen gewöhnen können, das ist doch super! Und wenn nicht, hast du dem Menschen geholfen, sich ein bisschen besser selbst kennen zu lernen, das ist doch ebenso super!

Ich verstehe nicht so ganz, warum dieses Argument als valide erachtet wird. Ich vermute, dass das Ziel hinter dieser Argumentation ist, sich nicht umgewöhnen zu müssen oder gar zu leugnen, dass der Mensch, um den es geht, trans sein könnte. Letzterer Fall ist dabei ziemlich transfeindlich, denn… Transsein ist nichts schlimmes, was geleugnet würden müsste. Es doch zu leugnen setzt trans sein mit etwas schlimmen gleich. Ich hoffe, du siehst, warum ich finde, dass das nicht fair ist. Erster Fall wiederum ist reine Faulheit und auch nicht wirklich fair dem betroffenen Menschen gegenüber. Vielleicht übersehe ich, warum dieses Argument als wichtig erachtet wird, aber bisher sehe ich nicht, warum es ein valides Argument ist.

  • „Aber du siehst gar nicht trans aus!“

Dieser Kommentar bringt mich vor allem zum Stirnrunzeln. Wie genau sieht trans denn aus? Hat ein trans Aussehen eine bestimmte Farbe oder Form?

So wenig, wie eins einem Menschen ansehen kann, ob er gern scharfes Essen isst, sich für die Geschichte der Weltkriege interessiert oder gern im Regen tanze, kann eins einem Menschen ansehen, ob dieser trans ist. Die Aussage „Du siehst gar nicht trans aus“ meint in aller Regel, dass bestimmte Klischees, die in der Gesellschaft über trans Menschen verankert sind, nicht erfüllt werden. Dazu ist vielleicht mein Artikel über den großen Topf des Gender-Nonconformings lesenswert. Grundsätzlich gilt aber: Nicht immer erfüllen Menschen die erwarteten Klischees, oft ist es sogar so, dass Klischees gar nicht passen. Menschen daran zu beurteilen, ob sie Klischees erfüllen oder nicht, spricht ihnen im Zweifel ihre Zugehörigkeit zu einer Gruppe ab, was verletzend ist.

Übrigens ist diese Aussage zu keinem Zeitpunkt angebracht. Es ist nicht in Ordnung, einer trans Frau zu sagen, sie sähe aber „noch so männlich aus“, aber zumindest ich empfinde es auch nicht als Kompliment, heute zu hören, ich würde heute so sehr „wie eine Frau“ aussehen, dass gar nicht auffalle, dass ich trans sei. Letztere Aussage sagt mir letztlich auch nur „Naja, du bist zwar trans, aber okay, ich sehe da mal drüber hinweg“. Wenn ich mich bewusst als trans oute, dann möchte ich, dass anerkannt wird, dass ich zu dieser Gruppe von Leuten gehöre und möchte nicht mich als Ausnahme in dieser Gruppe betrachtet werden. Ich möchte dann zwar zeigen, dass auch trans Menschen nur Menschen sind und nicht anders behandelt werden sollten, aber wenn mir mein Transsein quasi abgesprochen wird, weil ich ja gar nicht so aussehe, dann funktioniert das nicht.

Kurzum: Wenn ich dir sage, dass ich trans bin, dann ist das vermutlich so. Das kannst du mir oft nicht ansehen, weil gerade zu diesem Thema viele Klischees eigentlich Vorurteile sind. Akzeptiere bitte einfach, dass das so ist.

  • LGBT* sagen, schwul meinen

Eine Sache, über die sich viele, viele Menschen in meinem Bekanntenkreis immer wieder beschweren. Selbst innerhalb der queeren Community ist es üblich LGBT* oder eine andere Buchstabensuppe, die dann zum Beispiel noch A oder I umfasst, zu nutzen, aber eigentlich nur von Schwulen und manchmal Lesben zu sprechen. Aber zunächst einmal: Wofür stehen die Buchstaben? Lesbian (lesbisch), gay (schwul), bi, trans, asexuell, intersexuell. Es gibt noch weitere Buchstaben, die manchmal dazu kommen, um inklusiver zu sein, jedoch wird oft sehr emotional diskutiert, wie diese Buchstabensuppe denn nun aussehen sollte um alle mitgemeinten Menschen auch wirklich zu umfassen. Ich nutze daher lieber das Wort queer, auch wenn dort vermutlich auch diskutiert wird, wer denn nun wirklich dazu gehört.

Aber: LGBT* und queer sollen auf jeden Fall mehr als nur schwule und lesbische Menschen umfassen. Leider ist das aber oft genug nicht der Fall. Meinem Eindruck nach ist das Problem bei der Buchstabensuppe schlimmer als beim Wort queer, aber ich hab bei beiden Begriffen schon gesehen, dass sie verwendet wurden, obwohl nur von schwulen Menschen die Rede war. Es wirkt auf mich manchmal so, als würden in diesen Situationen diese Worte nur verwendet werden, um sich zu profilieren oder sich wichtig zu machen. Vielleicht ein Beispiel.

Die diskutierte Öffnung der Ehe wird gern als Ehe für alle bezeichnet und es wird als Sieg für die LGBT*-Community gewertet. Aber Tatsache ist, dass nur nicht-hetero Menschen davon profitieren. Versteh mich nicht falsch, ich finde, dass das ein wichtiger Schritt ist, aber ein hetero trans Mensch hat davon nichts. Menschen, die weder Mann noch Frau sind, haben davon nicht wirklich etwas. Menschen, die Polyamorie praktizieren, können trotzdem nur einen Partner heiraten. Es ist keine Ehe für alle und kein Erfolg für LGBT*. Es ist eine Ehe für ein paar mehr als vorher und ein Erfolg für Menschen, die nicht hetero sind. Das ist schön. Aber für mich hat das nur am Rande Bedeutung, obwohl ich queer bin.

Bitte achte darauf, wen du wirklich meinst, wenn du von queeren oder LGBT*-Menschen sprichst. Meinst du wirklich alle oder zumindest einen Großteil? Oder kannst du es vielleicht statt dessen ein konkreteres Wort verwenden?

  • „Aber du stehst doch auf [Binärgeschlecht], warum willst du den denn dann selbst angehören?“

Zunächst einmal: Es ist keine Entscheidung. Aber das größere Problem ist hier: Du verwechselst Geschlechtszugehörigkeit und [sexuelles/romantisches/sonstiges] Interesse. Es gibt Männer, die auf Frauen stehen. Es gibt Frauen, die auf Frauen stehen. Es gibt agender Menschen, die auf Neutrois stehen. Es gibt Bi-Gender, die auf Männer und Agender, aber nicht auf Frauen stehen. Auf welches Geschlecht ich in welchem Rahmen stehe, ist nicht von meinem eigenen Geschlecht abhängig. Ich verstehe, dass es da eine Korrelation gibt (viele Männer stehen auf Frauen und umgekehrt), aber es besteht keine Kausalität (es ist nicht immer so). Wenn du diese Aussage triffst, sagst du aber implizit, dass du das glaubst. Die Aussage sagt aus, dass du glaubst, dass nur Männer auf Frauen und umgekehrt stehen können.

Tatsächlich bin ich sogar hin und wieder gefragt worden, ob ich denn jetzt auf Männer stehen würde, jetzt, wo ich doch eine Frau sei. Abgesehen davon, dass ich schon immer eine war, ist es auch so, dass sich dadurch mein Interesse an Menschen nicht gewandelt hat. Ich stand vorher auf Frauen und tat es auch nach meinem Outing. Nur wurde dies erst als Heterosexualität aufgefasst, danach als Homosexualität. Was übrigens beides nicht stimmt, da ich pansexuell bin. Aber gut, das ist vielleicht sogar einen eigenen Punkt wert…

  • „Du bist eine Frau und stehst auf Frauen, also musst du eine Lesbe sein!“

Das stimmt so nicht. Als Frau auf Frauen zu stehen, bedeutet nicht, dass ich eine Lesbe bin. Denn: Ich stehe nicht nur auf Frauen. Dies ist zwar kein ausschließliches trans Problem und es gibt sicher einige trans Menschen, die nicht mit diesem Problem konfrontiert werden, aber ich möchte dennoch darauf eingehen.

Es gibt deutlich mehr Orientierungen als nur hetero, schwul, lesbisch und bi. Und es gibt auch mehr als nur -sexuell. Ich selbst bezeichne mich als pansexuell und auch als panromantisch. Was ich damit ausdrücke, dass ich bei meiner Partnerwahl weder auf sexueller noch auf romantischer Ebene wirklich auf Geschlecht achte. Die Bedeutung von bisexuell und biromantisch ist weitestgehend identisch zur Bedeutung von pansexuell/panromantisch, aber für mich liegt der Fokus beim pan mehr auf „ist egal“ und bei bi mehr auf „ist alles okay“. Zumindest für mich ist das ein feiner Unterschied, der aber sehr subjektiv ist – in aller Regel sehe ich diese Begriffe als Synonyme verwendet und finde das auch vollkommen in Ordnung so. Abseits von diesen Begriffen gibt es dann auch noch zum Beispiel poly- als Vorsilbe um anzuzeigen, dass mehrere Geschlechter, aber nicht alle interessant sind.

Kurzum: Es gibt viele Orientierungen, die es Menschen erlauben, auf Menschen des gleichen Geschlechts zu stehen. Nicht alle sind homosexuell/homoromantisch.

  • Im falschen Körper geboren

Ich höre diese Formulierung oft, um zu beschreiben, wie sich Transsein anfühlt. Für viele trans Menschen ist diese Formulierung auch richtig. Es gibt aber auch trans Menschen, zu denen auch ich gehöre, die diese Formulierung für sich ablehnen. Für mich ist das folgendermaßen: Mein Körper ist nicht „der eines Mannes“, denn ich bin eine Frau. Da es mein Körper ist, ist er für mich der Körper einer Frau. Ich bin mit meinem Körper sehr zufrieden und glücklich. Für mich selbst ist das Problem, dass andere Menschen ihn als „männlich“ lesen. Für mich macht das aber nicht meinen Körper falsch, viel mehr ist er in meinen Augen missverstanden.

Wie gesagt gibt es viele trans Menschen, die sich in ihrem Körper so unwohl fühlen, dass er für sie ein falscher Körper ist. Das ist absolut legitim und diese Formulierung ist sicher nicht zufällig so weit verbreitet. Aber: Gut wäre es, wenn du nicht davon ausgehst, dass es allen trans Menschen so geht. Falls du wissen möchtest, wie sich unser Transsein anfühlt, frag gern einfach nach, ob die Formulierung „im falschen Körper geboren“ angebracht ist.

  • „Jeder trans Mensch will Hormone, OP und co!“

Nein. Dem ist nicht so. Und nicht das volle Programm zu wollen, bedeutet auch nicht, dass ein Mensch weniger trans oder gar „nicht trans genug“ ist.

Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse. Das gilt für trans Menschen genauso wie für cis Menschen. Es gibt trans Menschen, die brauchen eine geschlechtsangleichende OP, um sich in ihrem Körper wohl zu fühlen. Es gibt solche, die fühlen sich auch ohne Hormone wohl. Es gibt trans Frauen, die sich an ihrem Bart wenig stören und trans Männer, die ihre Brüste mögen. Es gibt trans Menschen, die ihre Stimme nicht leiden können und solche, die ihr Leben lang nie eine Namensänderung beantragen und es auch gar nicht möchten.

Welche Schritte einem trans Menschen wichtig sind, entscheidet nur dieser allein. Niemand hat das Recht, uns vorzuschreiben, welche Schritte wir gehen müssen. Sicher, viele dieser Punkte hängen oft zusammen. Von geschlechtsangleichenden Operationen weiß ich zumindest aktuell nur in Kombination mit Hormonen. Die rechtlichen Änderungen werden erschwert, wenn eins nicht ein „gutes“ Passing in den Augen der zuständigen GutachterNinnen hat. Aber das heißt trotzdem nicht, dass es den einen, richtigen Weg gibt. Welche Schritte nötig sind, entscheidet jeder trans Mensch für sich.

  • „Transsexualität ist therapierbar!“

Jain. Definitiv nicht so, wie du es vermutlich meinst.

Ich war zusammenhängend mit meiner Transsexualität in Therapie. Aber dabei geht es nicht darum, mir eine Krankheit weg zu therapieren, denn es ist keine Krankheit. Es geht darum, eine Stütze zu haben. Eine Stütze, die leider manchmal nötig ist, da viele Dinge, die für cis Menschen selbstverständlich sind, es für uns nicht sind. Das fängt mit Pronomen an und hört bei nach Binärgeschlechtern getrennten Toiletten und Duschen nicht auf. Es kostet Kraft, sich mit diesen Themen immer wieder auseinandersetzen zu müssen und Zurückweisung zu erfahren.

Aber noch einmal: Transsexualität ist keine Krankheit. Nicht die Transsexualität ist, was uns das Leben schwer macht, sondern wie unser Umfeld drauf reagiert. Die Transsexualität an sich behindert uns nicht und vermindert unsere Lebensqualität nicht. Es ist daher auch nichts, was „wegtherapiert“ werden müsste.

7 Gedanken zu „Fettnäpfchen

  1. Sehr gute Sammlung, hab mir gleich mal den Link abgespeichert. :3

    Zum vorletzten Punkt („Jeder trans Mensch will Hormone, OP und co!“):
    „Die rechtlichen Änderungen werden erschwert, wenn eins nicht ein „gutes“ Passing in den Augen der zuständigen GutachterNinnen hat.“
    DAS ist ja eine der Sachen, vor der es mir ein bisschen graut… :S
    Ich (amab und non-binary) identifiziere mich zwar nur teilweise als Frau, wünsche mir aber insgesamt trotzdem einen eher weiblichen/femininen Körper, gleichzeitig ist mir aber auch gar nicht unbedingt danach, jeden Tag stark weiblich konnotierte Kleidung zu tragen, und befürchte, dass dies mir die Sache mit den Hormonen bei Ärzt*innen/Therapeut*innen etwas schwierig machen wird… 🙁
    Hat jetzt zwar mit dem eigentlichen Inhalt des Artikels nichts zu tun, aber hast du diesbezüglich irgendwelche Erfahrungsberichte? 😡
    (Gerne auch per Mail.)

    (Kleine Anmerkung zu dem Punkt mit den sexuellen Orienterungen:
    „Es gibt Bi-Gender, die auf Männer und agender, aber nicht auf Frauen oder Non-Binaries stehen.“ <– Da bin ich beim Lesen etwas drüber gestolpert… agender ist selbst eine (von vielen) nichtbinäre Identität, somit finde ich "auf agender, aber nicht auf Non-Binaries" etwas widersprüchlich/unsinnig…)

    Liebe Grüße,
    Lexi ~

  2. („Edit“: Das 😡 Smiley („: x“)soll gar nicht aggressiv aussehen, sorry. xD)

  3. Hi Lexi!

    Kein Problem mit dem Smiley 😀

    Was du über Non-Binaries und agender sagst, ist, glaube ich, Definitionssache. Agender ist in meinen Augen gerade die Abwesenheit von einem Geschlecht und damit auch kein nicht-binäres Geschlecht. Ich glaube mich zu erinnern, dass der Artikel auch von einem agender Menschen abgesegnet wurde, auch wenn ich mir da zugegebener Maßen nicht mehr sicher bin. Ich glaube aber sofort, dass es auch agender Menschen gibt, die für sich den Begriff Non-Binary nicht ablehnen würden. Dennoch werde ich gleich mal schauen, ob ich das nicht ein wenig anders, eleganter formulieren kann. Danke auf jeden Fall für den Hinweis!

    Leider habe ich aber keine Erfahrungsberichte über nicht-binäre Menschen, die Hormone nehmen/nehmen wollen. Was ich dir aber sagen kann, ist, dass es durchaus auch TherapeutNinnen gibt, die hier verständnisvoll sind. GutachterNinnen haben ziemlich strenge Auflagen, wenn es um Vornamens- und Geschlechtszugehörigkeitsänderungen geht, aber TherapeutNinnen, die über das Ausstellen einer Hormonindikation entscheiden, haben mehr Freiheiten. Und wenn die Indikation ausgestellt ist, dann sollten EndokrinologNinnen (also die verantwortlichen ÄrtzNinnen) keine Probleme mehr machen. Zumindest nicht was Passing oder Ähnliches angeht. Gerade auch, weil schließlich viele trans Menschen erst mit Hormonen anfangen, und dann ihr Passing anpassen.

    Hilft dir das? Ansonsten hab ich über den Weg zu den Hormonen für binäre trans Menschen auf http://alinas-chaos.de/mein-transsexueller-weg/hormontherapie/ geschrieben. Es ist richtet sich zwar nicht speziell an nicht-binäre trans Menschen, aber vielleicht finden sich da auch noch ein paar nützliche Infos. Und falls du noch weitere Fragen hast, stell sie gern! Ich werde mich auch noch mal umhören, ob ich vielleicht doch an Erfahrungsberichte nicht-binärer Menschen heran komme.

    Viele Grüße,
    Alina

  4. Hey Alina,

    danke für den Artikel, ich fand ihn sehr bereichernd und hilfreich.
    Ich hab eine Frage: Kannst du kurz erklären, was es mit dem Binnen-N bei Formulierungen wie GutachterNinnen auf sich hat?

    Danke!
    Laura

  5. Hey! Ich denke zur Zeit viel über dieses Thema nach, da ich auch mit einem Trans-Menschen befreundet bin, und es ist nicht immer ganz einfach, damit umzugehen. Die wesentliche Frage, die ich mir stelle ist, ob es nicht vielleicht manchmal einfach nur darum geht, dass z.B. ein Mensch in einem Körper mit Penis (also einem männlichem Körper???) Verhaltensweisen bevorzugt, die in unserer Gesellschaft als typisch weiblich stereotypisiert sind? Ich frage mich, ob das „Trans-Phänomen“ zurückgehen würde (nicht verschwinden), wenn wir Persönlichkeiten generell nicht mehr unterscheiden würden nach Mann und nach Frau, sondern jeder einfach nur noch Mensch wäre? Wenn es also immer noch einen körperlichen Unterschied gäbe zwischen männlich, weiblich und intersexuell (der ja in Hinblick auf medizinische Fragen durchaus bedeutsam sein kann), aber keinen mehr in Bezug auf die Persönlichkeit? Oder ist das Konstrukt von männlich und weiblich so wichtig, dass wir es immer brauchen werden? Für mich ist das so schwer mit Gedanken zu durchdringen, da ja die Worte „männlich“ und „weiblich“ letztlich durchaus Worte sind, die in der Unterscheidung von körperlichen Geschlechtsmerkmalen ihren Ursprung haben. Sie haben sich aber davon losgelöst und wurden auf Persönlichkeitseigenschaften übertragen. Und nun gibt es Menschen, bei denen sich diese Geschlechtsbezeichnungen wiederum davon losgelöst haben und zu einem Gender geworden sind. Aber was ist dieses Gender überhaupt?

  6. Ich frage mich, ob es überhaupt „weibliche“ und „männliche“ Verhaltensweisen gibt, oder ob das nicht alles vielleicht von unserer Gesellschaft konstruiert ist? Ich meine, realistisch betrachtet gibt es doch kein Interesse, keine Verhaltensweise, kein Hobby usw., das nur von männlichen oder nur von weiblichen Personen vertreten bzw. ausgeführt wird. Wie kann man dies dann als weiblich oder männlich bezeichnen? Und wenn es, mal rein hypothetisch gesprochen, also im Grunde genommen keine männlichen und keine weiblichen Persönlichkeitsmerkmale gibt, wie kann es dann sein, dass jemand männlich oder weiblich wird allein aufgrund seiner Persönlichkeitsmerkmale??

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