M’era Luna – Mehr Alina

Hinweis: Dieser Artikel ist veraltet und entspricht nicht mehr meinen aktuellen Ansichten.

Einige meiner Leser (und ja, ich verwende bewusst das generische Maskulinum; dazu an anderer Stelle mehr) werden vielleicht wissen, dass dieses Jahr am 11. und 12. August das M’era Luna, eines der größten deutschen Gothic-Festivals, statt fand. Dieses Jahr zum ersten Mal nicht ohne meine Freundin und mich.

Ursprünglich hatten wir gedacht, wir würden allein dort sein, lernten aber rund eineinhalb Wochen vor dem Festival ein Mädel kennen, die auch aufs M’era wollte. Ich werde sie, um mein „Namen werden nicht genannt“-Gebot einzuhalten, einfach die Gewandete nennen, da sie einen Großteil der Zeit mit einem mittelalterlichen Umhang bekleidet auf dem Festival verbrachte. Bereits im Vorfeld zum Festival habe ich den Schritt gewagt, ihr von Alina zu erzählen (naja, eigentlich nur davon, dass ich Transvestit bin, den Rest erfuhr sie nach und nach). Sie ist damit die erste Person, die ich als Mann kennen gelernt habe, aber die von Alina erfuhr, bevor wir wirklich Freunde wurden. Etwas mulmig war mir bei dem Gedanken, mich ihr zu öffnen, aber diese Bedenken waren glücklicherweise völlig unbegründet. Mittlerweile weiß ich von ihr, dass sie sogar weitere Crossdresser kennt.
Weiterhin sollte ich erwähnen, dass ich zwar mit den Gedanken gespielt hatte, auf dem Festival ausschließlich Alina zu sein, diesen aber eigentlich selbst nicht ernst genommen hatte, und erwartete höchstens ein paar Stunden Frau zu sein.

Am 10. August ging es dann los. Die Sachen waren gepackt und verladen, die Einkäufe erledigt, los ging’s auf die A7, die ich nur noch stumpf nach Süden fahren musste. Naja, und dann war da der Stau vor dem Elbtunnel… Der Stau, der meinen Motorkühler killte. Durch die Panne, bei der mir der ADAC aushelfen musste, und die Wartezeit im Stau haben wir dann insgesamt rund 4 Stunden auf unseren Zeitplan verloren. Statt um 16:00 waren wir erst gegen 20:00 auf dem Parkplatz des M’eras. Die Gewandete haben wir schnell gefunden und gemeinsam mit ihr auf eine weitere Gruppe gewartet, der sie sich gerne anschließen wollte.
Als die endlich aufgetaucht waren, suchten wir auf dem Campground nach Platz für uns alle. Während dieser Suche merkte ich, dass ich mit der Gruppe nicht warm wurde, so dass ich nur allzu gern zustimmte, als wir feststellten, dass wir uns trennen mussten, da nirgendwo genug Platz für uns alle gleichzeitig war. So machten meine Freundin, die Gewandete und ich uns also auf und suchten uns einen Platz, der sich im Nachhinein als super Wahl entpuppte, da unsere Nachbarn einen klasse Musik- und Met-Geschmack hatten. Erstmal bauten wir aber unsere Zelte auf und machten uns etwas zu essen, da wir für die Lesungen eh schon zu spät dran waren.
Für mich war der Tag dann auch schon vorbei. Ich kroch ins Zelt zum schlafen, während mein Schatz mit der Gewandeten das Gelände erkundete und schaute, wo „unsere“ Gruppe ab geblieben war.

Am nächsten Tag nach dem Frühstück war dann für mich der Moment gekommen, mich umzuziehen. Zum schminken kam ich, mit einem mulmigen Gefühl im Bauch, aus dem Zelt, da das Licht draußen einfach besser war. Kaum war ich draußen, war das Gefühl auch schon vorüber. Statt dessen fühlte es sich, wie schon in Hamburg, völlig normal an, Alina zu sein.
Dann ging es los auf das eigentliche Festivalgelände. An der Schleuse, an der die Festivalbändchen kontrolliert wurden, wurde ich dann wieder etwas nervös: Die Besucher wurden abgetastet und aus Festival- und Konzerterfahrungen wusste ich, dass Männer von Männern und Frauen von Frauen abgetastet werden müssen. Naja, Gesetz ist Gesetz, sowohl biologisch als auch offiziell bin ich ein Mann, auch wenn ich als Alina unterwegs bin, also bin ich zum Mann gegangen, als ich dran war. Der schaute mich ziemlich verdutzt an und sagte erst mal nur „Hallo“. Nicht flirtend, nicht unfreundlich, einfach nur verwirrt. Es dauerte einen Moment, bis er sicher war, dass ich in seinen Zuständigkeitsbereich falle. Komplikationen gab es aber keine. Meine Freundin erzählte mir anschließend, dass hinter mir wohl eine Frau zum Kontrolleur ging, sie war wohl „nur dem Rock gefolgt“ und hatte nicht realisiert, dass ich, rein biologisch gesehen, ein Mann bin. Sieg auf ganzer Linie 🙂
Während der Konzerte, die wir uns jetzt ansahen, wurde ich einige Male begutachtet, ich vermute, dass mich der eine oder andere durchschaut hat, gesagt wurde aber nichts. Vielleicht haben die mich auch tatsächlich nur beim Tanzen beobachtet, den das habe ich mich nach und nach auch endlich getraut.

Nach Omnia, Qntal und Leaves Eyes (die ich vor ein paar Jahren in Wacken besser fand, als dieses Mal, was nicht heißt, dass sie schlecht waren), gingen wir erst mal zu unseren Zelten zurück, um Mittag zu essen, und ich, eitel wie als Alina manchmal bin, hab mich nochmal nach-geschminkt. Anschließend ging es wieder aufs Festivalgelände, diesmal ohne Abtasten.
Nachdem wir drei von Blutengel recht enttäuscht waren, schlugen Apocalyptica ein wie eine Bombe. Trotzdem: Das Highlight kam erst direkt im Anschluss, nämlich ASP, unterstützt von Lutz, dem Gitarristen von Lahannya und Umbra et Imago. Ein so gutes Konzert hab ich lange nicht erlebt. Within Temptation haben wir uns dann nicht mehr angetan, obwohl die Band sicher auch klasse gewesen wäre. Wir konnten einfach nicht mehr. Nach einer weiteren Mahlzeit und einem gemütlichem Plausch gingen mein Schatz und ich zu Bett, während die Gewandete noch einmal ihre Gruppe besuchte.

Am nächsten Morgen stand ich als Mann auf, um meine Morgentoilette zu verrichten und auf dem Rückweg Frühstück mit zu bringen. Nach dem Frühstück zog ich mich dann wieder um, während es zu regnen anfing. Die Gewandete hatte sich, nachdem sie während unseres Frühstücks vom Duschen wieder gekommen war, noch mal hingelegt. Etwa eine halbe Stunde, nachdem ich mich fertig zurecht gemacht hatte, hörte ich, dass sie wieder wach und am Rotieren war, als ich aus dem Zelt sah, bemerkte ich, dass es in ihr Zelt rein geregnet hatte. Nach dem sie ihre Sachen gerettet hatte, kam sie zu meiner Freundin und mir ins Zelt. Wir unterhielten uns einige Zeit, bis wir entschieden, dass wir trotz dem Wetter mal über den Mittelaltermarkt schauen wollten.
Der Markt war ganz nett, wenn auch nichts besonderes. Am interessantesten waren die Fressbuden. Besonders die Spätzle wurden mir empfohlen, auch wenn ich mir vorerst keine kaufte. Als Coppelius anfingen zu spielen entschieden wir schließlich, wieder aufs Festivalgelände zu gehen.

Nach Coppelius, von deren Konzert wir noch rund die Hälfte sahen, wurde der Regen weniger. Wie der Frontsänger der anschließenden Band feststellte: „Das ist das Mono Inc. – Phänomen: Immer wenn wir anfangen zu spielen hört der Regen auf!“ Mono Inc. kann ich live übrigens wärmstens empfehlen, besonders die Schlagzeugerin imponiert mir jedes Mal wieder, wenn sie neben dem Spielen ihres Instruments noch zum Background-Gesang ansetzt.

Nach Mono Inc. sahen wir uns die Stände auf dem Festivalgelände an. Vor Allem wurden natürlich CDs, Kleidung und Schmuck angeboten. Interessant war es aber alle Male. Irgendwann ging meine Freundin schon einmal voraus zu unseren Zelten, da sie ihre Beine müde wurden. Begleiten sollte ich sie aber nicht, so dass ich mit der Gewandeten noch etwas auf dem Festivalgelände bummelte und anschließend auf dem Mittelaltermarkt Spätzle kaufte, da ich zu faul zum Essen machen war. Bewaffnet mit diesen gingen nun auch wir zu unserem Lager zurück, in dem wir wieder etwas Zeit verbrachten.

Die nächste Band auf meinem Wunschzettel war Tiamat, zu denen mich dann die Gewandete begleitete, während meine Freundin im Zelt blieb um sich noch etwas zu erholen.
Tiamat war die erste und einzige Band, die ich mir dieses Jahr im Hanger angesehen hab. Wir waren überpünktlich da, um in den Hangar rein zu kommen, was gar nicht nötig gewesen wäre. So war es uns aber ein leichtes, in die fünfte Reihe zu kommen. Nach einer schier endlosen Umbauphase kamen Tiamat dann endlich und völlig unspektakulär auf die Bühne. Sie kamen einfach, nahmen ihre Instrumente und spielten los. Genauso stumpf wirkten die Songansagen: „This is a song about love: Vote for Love.“ Dafür war die Musik genial.

Anschließend trafen wir uns auf dem Festivalgelände mit meiner Liebsten, die mir per SMS geschrieben hatte, wo sie wartet. Gemeinsam entschieden wir dann, erst mal was zu essen, um dann zu Hurts zurück aufs Gelände zu kommen. Den Plan änderten wir dann aber. Die Gewandete hatte schon länger entschieden, dass sie nicht noch eine Nacht in dem Zelt verbringen wollte und wir entschlossen uns, dass wir sie nach Hause bringen würden. Und wenn wir schon das Auto bewegen würden, könnten wir eigentlich aus gleich mit weg. Ursprünglich wollten wir nach dem Essen nur das Auto beladen, dann zu Hurts und anschließend noch auf dem Mittelaltermarkt eine Feuershow ansehen, aber Hurts klangen schon vom weiten viel zu poppig, als dass wir uns das antun wollten und meine Freundin bekam dann auch noch Bauchschmerzen, deshalb brachen wir kurz nach 10 vom Festivalgelände auf.

Da die Gewandete kein Auto hat und im Stadtteil des Festivals selten ist, fiel es ihr schwer, mir den richtigen Weg zu weisen, nach dem wir aber an einem Joey’s eine Mitarbeiterin nach dem Weg gefragt haben, kamen wir schnell zu ihrem Wohnheim. Unterwegs hatte ich mir den Weg zur Autobahn schon eingeprägt, so dass wir von dort dann entspannt und ohne Komplikationen unseren Weg nach Hause fanden.
Um 3 Uhr morgens fiel ich dann tot ins Bett, so erschöpft von diesem genialen Wochenende, an dem es sich für mich einfach richtig angefühlt hatte, Alina zu sein, dass ich glatt vergaß, dass ich noch eine Spange im Haar hatte, die ich erst am nächsten Tag entdeckte.

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