Geschlecht ist nicht binär, Teil 1

Leider betrachten sehr viele Leute Geschlecht immer noch als binär. Ob in den Medien, Schulbüchern, der gesellschaftlichen Erwartung: Fast überall kennt Geschlecht immer nur die Ausprägungen „männlich“ und „weiblich“. In Wahrheit ist Geschlecht aber deutlich vielschichtiger. Heute möchte ich den ersten Artikel von vermutlich zweien schreiben, in denen ich genau darauf eingehen möchte.

Ich kenne mittlerweile eine Menge verschiedene Menschen, die nicht einfach männlich oder weiblich sind. Nach und nach hab ich mich dabei immer mehr davon verabschiedet, Menschen nur in diese Kategorien einzuordnen. Ich habe mittlerweile statt dessen eine Art grafische Veranschaulichung entwickelt. Diese ist natürlich auch nicht perfekt und ich werde am Ende des Artikels auf Grenzen dieser Veranschaulichung eingehen, aber ich finde sie deutlich passender, als nur von zwei Geschlechtern auszugehen.

Zum Veranschaulichen von Geschlecht nutze ich gern folgenden Graphen:

GeschlechtAuf der X-Achse findet sich ein Maß an „Weiblichkeit“, auf der Y-Achse ist „Männlichkeit“ aufgetragen. Die Geschlechter vieler Menschen lassen sich als Punkt auf diesem Graphen wiederfinden. Schauen wir uns doch mal das nächste Bild an.

Geschlecht_kreiseHier sind die binären Geschlechter „männlich“ und „weiblich“ markiert. Menschen, deren Geschlecht ein Punkt innerhalb dieser Kreise ist, sind also männlich oder weiblich. Es ist ziemlich deutlich zu sehen, dass hier viel mehr Geschlechter zu finden sind, als nur diese beiden.

Geschlecht_androgynHier ist in Grün eine Art androgynes Spektrum abgetragen. Androgyn ist oft vor Allem auch eine Gender Expression1, welches keinem Binärgeschlecht zugeordnet werden kann. Es wird oft als neutral betrachtet, irgendwo zwischen männlich und weiblich. Männliche und weibliche Aspekte sind also etwa gleichermaßen vorhanden.

Geschlecht_neutroisIn Blau ist hier das Geschlecht „neutrois“ eingezeichnet. Es liegt in diesem Graphen im Ursprung, denn es hat keine weiblichen oder männlichen Ausprägungen. In dieser Darstellung ist es also Teil des androgynen Spektrums.

In diesem Graphen können aber noch deutlich mehr Geschlechter gefunden werden. Demi-Girl zum Beispiel ist ein Geschlecht, welches sich zwar nah am weiblichen Geschlecht befindet, aber es nicht ganz erreicht.

Es ist allerdings auch möglich, dass sich Geschlechter nicht durch einen einzelnen Punkt abdecken lassen. Bei genderfluiden Menschen ändert sich das Geschlecht abhängig von der Zeit oder der Situation. Sie würden also auf mehrere Punkte oder vielleicht sogar eine oder mehrere Flächen abbilden lassen.

Das Modell hat aber Grenzen. Es gibt Menschen, die haben kein Geschlecht. Dies wird agender genannt. Agender Menschen lassen sich in diesem Graphen nicht darstellen, weil der Graph nur ein Geschlecht abbilden kann/soll, etwas, das agender Menschen gar nicht haben. Es gibt auch Geschlechter, die nicht zwischen männlich und weiblich liegen. Dieses Konzept nennt sich auch aporagender. Für diese bräuchte es weitere Achsen, denn ihr Geschlecht bezieht sich nicht auf eines der zwei Binärgeschlechter, sondern ein anderes Geschlecht, welches hier einfach nicht abgebildet ist.

Ins Gesamt ist dieser Graph also nicht perfekt und erhebt auch nicht den Anspruch darauf. Vielmehr soll er zeigen, dass Geschlecht vielschichtiger als nur „männlich“ und „weiblich“ ist und ich glaube, das lässt sich trotz seiner Grenzen in dieser Darstellung deutlich besser veranschaulichen als nur mit den Labels „männlich“ und „weiblich“.

„Aber Alina, biologisch betrachtet…“

Halt! Stopp! Einen Augenblick! Auf das Thema Geschlecht und Biologie möchte ich in einem separaten Artikel eingehen, der hoffentlich in ein paar Tagen fertig werden wird. Ich bitte also um ein bisschen Geduld 🙂

Alina

1 Gender Expression bezeichnet das Auftreten eines Menschen, seine Außenwirkung, bestehend aus Kleidung, Frisur, Körpersprache, Stimme und anderen Aspekten, die bestimmten Geschlechtern zugeordnet werden.

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