Gastbeitrag: Die Sicht der Eltern

Ich möchte in Zukunft eine Reihe von Gastartikeln hier veröffentlichen, welche von Freunden und Familienmitgliedern geschrieben werden. Diese Beiträge sollen beleuchten, wie mein Umfeld mich wahrnimmt und vielleicht auch für den einen oder anderen Angehörigen oder Freund einer transsexuellen Person, eine Hilfestellung sein. Diese Artikel werden unter dem Tag „Gastartikel“ zu finden sein. Diesen ersten Artikel erzählt davon, wie die beiden Personen mit meiner Transsexualität umgehen, ohne die ich heute nicht hier bloggen könnte, ohne die ich nicht einmal auf der Welt wäre: Meine Eltern.

Alina

Hallo,

ich bin die Mutter von Alina. Während Alinas Besuch bei uns haben wir über ihre Seite im Internet gesprochen und überlegt, dass es vielleicht auch für andere Eltern interessant sein könnte, wie wir als Eltern Alinas Leben bis heute erlebt haben 🙂

Alina ist unser erstes Kind, später bekamen wir noch einen Sohn. Während der Schwangerschaft mit Alina gab es eine Zeit mit vorzeitigen Wehen, aber ansonsten verlief die Schwangerschaft gut und die Geburt verlief auch normal.

In ihrer Kindheit hatten unsere Kinder natürlich Lego und Playmobilspielzeug, Stofftiere und was sie sonst interessierte, Spielzeugwaffen oder auch Barbiepuppen, mit denen der Bruder stundenlang spielte, während Alina kein Interesse an Puppen zeigte, sie baute gern mit Lego.

Einmal zu einem Faschingsfest im Kindergarten wollte Alina gern als Mädchen verkleidet gehen, dies habe ich ihr dann „ausgeredet“, weil ich Angst hatte, dass sie als Junge in einer Mädchenverkleidung geärgert wird. Ansonsten ist mir bis ich sie einmal in meinem Body vor meinem Kleiderschrank entdeckt habe, nichts besonderes an ihrem Verhalten aufgefallen. Gut, zu dieser Zeit hatte sie bereits ihr Interesse an Gothic und Live-Rollenspielen entdeckt, ab diesem Zeitpunkt durften ihre Haare nicht mehr geschnitten werden 🙂

Natürlich war ich geschockt, es war schon merkwürdig, meinen „Sohn“ in meinem Body vor dem Schrankspiegel zu sehen. Auch sie war geschockt. Ich habe dann nach Rücksprache mit meinem Mann einen Termin bei einer Beratungsstelle vereinbart und dort mit einem Psychologen gesprochen. Dieser meinte ich sollte dies Erlebnis nicht so ernst nehmen, dass wäre ganz normal, dass ein Junge mal fühlen wolle, wie es sich anfühlt, solche Kleidung zu tragen. Er meinte dann, dass es jetzt die Aufgabe des Vaters wäre, unseren Sohn zu verbieten an meine Kleidung zu gehen, nicht nur weil diese kaputtgehen, da unser Kind größer als ich ist, sondern auch weil man nicht einfach Kleidung von der Mutter nimmt.

Wir haben es so gemacht, doch irgendwie fühlte es sich nicht richtig an. Ich hatte zu der Zeit schon hin und wieder in Zeitungen und Zeitschriften von Transsexuellen gelesen und war mir nicht sicher, ob Alina nur mal ausprobiert hat oder mehr dahinter steckt. Wenn ich versucht habe, sie darauf anzusprechen hat sie aber „dicht gemacht“. Sie wüsste nicht, warum sie die Sachen angezogen hat, sie wollte nicht darüber sprechen und ich solle sie in Ruhe lassen. Ich hatte aber immer wieder das Gefühl, dass sie wieder an meinem Kleiderschrank war. Nach einigem Hin und Her und auch einiger Zeit, wo mein Mann und ich es wieder verdrängt hatten, kam dann der Zeitpunkt, wo ich mir wieder sicher war, dass Alina sich Sachen aus meinem Schrank anzog, so dass ich Alina anbot, jedes mal, wenn ich Kleidung aussortiere, sie sich nehmen kann, was ihr gefällt.

Alina hat sich nach dem Kauf unseres Hauses ein Zimmer im Dachgeschoss ausgesucht, (sie wurde kurz nach dem Kauf 15 Jahre alt) dort hat sie sich dann als Mädchen/Frau eingeschlossen. Zu dieser Zeit haben wir uns schon mal gefragt, ob wir etwas falsch gemacht haben, ob es vielleicht nur eine Phase ist. Wir haben Kinderfotos angesehen und doch, auf den Bildern sieht sie glücklich aus. Das hat uns beruhigt.

Ich hatte ihr zwischendurch angeboten, mit ihr neue Kleidung einkaufen zu gehen, damit sie mal etwas bekommt, dass ihrem eigenen Geschmack entspricht, aber mit mir wollte sie das nicht. Ich denke der Gedanke war ihr unangenehm. Zu dieser Zeit betitelte sie sich als Cross-Dresser.

Dann bekam sie eine Freundin, die mit ihr einkaufen ging und auch die Schminktipps, die sie von Freundinnen bekam, freuten mich. Doch wir wussten nicht, wie es weitergehen würde – mal Junge mal Mädchen. Zu Hause in ihrem Zimmer war es Mädchen/Frau und im „normalen“ Alltag ein Junge/Mann. Das Mädchen hat sich aber immer in ihrem Zimmer aufgehalten, zu dieser Zeit wolle sie noch nicht, dass es andere erfahren. Selbst ihr Bruder wusste lange nichts von Alina.

Dadurch, dass Alina sich als Mädchen in ihrem Zimmer einschloss, habe eigentlich nur ich sie als Mädchen gesehen. Mein Mann wusste zwar davon, jedoch hat er sie fast nie gesehen, so dass es einmal für beide ziemlich unangenehm wurde als die zwei allein zu Hause waren. Alina kam als Mädchen zum Abendbrot herunter und mein Mann war ziemlich „überrumpelt“, da er noch Besuch erwartete und gab ihr zu verstehen, dass sie sich umzuziehen hatte. Ihm tat es anschließend total leid, sich im Ton vergriffen zu haben und Alina war zuerst in ihren Gefühlen verletzt, hat aber nach einem Gespräch verstanden, dass es für meinem Mann merkwürdig war, sie so zu sehen.

Irgendwann wurde sie von Freunden mit nach Hamburg mitgenommen, zu diesen Tanzveranstaltungen fuhr sie als Frau und erzählte mir am nächsten Tag total glücklich, wie gut es sich angefühlt hat.

Nun lebt und studiert sie seit etwa 2 1/2 Jahren in Baden-Württemberg und dies als Frau. Unsere größten Sorgen waren im Laufe der Zeit eigentlich immer, dass sie von anderen Menschen abgelehnt wird. Natürlich haben wir uns auch Gedanken über unsere Freunde, unsere Familie und unsere Arbeitskollegen und deren Reaktionen gemacht. Wir haben unsere Familie, Freunde und auch Nachbarn informiert, dass wir nun eine Tochter haben, natürlich waren die meisten im ersten Moment „geschockt“ und doch haben sie alle super reagiert und niemand hat sich zurückgezogen. Unser 85jähriger Nachbar meinte erst, dies sei doch nicht richtig. Ich habe ihm gesagt, sie hat es sich nicht ausgesucht, und wenn jemand sagt, dass ist nicht von Gott gewollt, warum hat Gott Alina so auf die Welt geschickt? Der Nachbar hat heute keine Probleme mit ihr und fragt auch oft wie es ihr geht.

Inzwischen wissen es  immer mehr Leute, aber natürlich nicht alle, die wir kennen, so dass es manchmal schon merkwürdig ist, wenn z. B. die Grundschullehrerin nach unserem Sohn fragt, aber dann erzähle ich nicht von Alina, weil ich denke, es muss nicht jeder wissen. Wir haben aber auch schon erlebt, dass andere nicht so gute Bekannte schon von Alina gehört haben und sich nicht getraut haben, uns deswegen anzusprechen, weil es uns deshalb vielleicht schlecht gehen könnte. Wenn uns jemand direkt drauf anspricht, haben wir aber auch kein Problem damit, von Alina zu erzählen – es ist so wie es ist!!!

Es ist für uns gerade am Anfang oft komisch gewesen, wenn wir Alina in „Frauenkleidung“ gesehen haben, denn wir haben in ihr noch lange unseren erstgeborenen Sohn gesehen (jahrelang eintrainiert), die Gesichtszüge werden jetzt durch die Hormone weicher. Aber gerade weil wir Alina nicht mehr oft sehen, mussten wir uns an die „Veränderung“ gewöhnen. Auch war es anfangs komisch mit ihr bei uns im Dorf unterwegs zu sein, wo man immer auf Bekannte treffen konnte und nicht wusste, wie diese reagieren würden. Heute ist es uns egal, wie die Leute reagieren, denn wir wissen, dass es Alina als Frau besser geht und letztendlich ist es egal ob Junge oder Mädchen, sie ist unser Kind und wir sind stolz auf sie, dass sie so mutig ist und ihr Leben als Alina trotz der Probleme mit den Hormonen lebt und sogar ihr Studium gut im Griff hat.  Und wir sind dankbar, dass Alina so gute Freunde hat, denen es egal ist, das sie transsexuell ist.

Für uns hat Alina einen guten Weg gewählt um sich selbst, uns und unsere Umwelt auf Alina vorzubereiten und sie so zu akzeptieren wie sie ist. Ich denke, es braucht seine Zeit sich an die „Veränderung“ zu gewöhnen, man kann es nicht von heute auf morgen erzwingen als Frau angenommen zu werden, aber wir haben immer gesagt, Alina gibt das „Tempo“ an, sie entscheidet, wann und wie sie ihr Umfeld informiert und wir können sie während der Veränderung ihres Körpers nur begleiten und für sie da sein, wenn sie uns braucht. Ich denke, da sie während ihres letzten Jahres auf dem Gymnasium mitbekommen hat, wie ihre Mitschüler auf das Outing eines Schulkollegen, dass er schwul sei, reagiert haben, war ihr klar, dass es hier auf dem „Dorf“ für sie viel schlimmer werden würde als für diesen Jungen. Da sie selbst lange nicht wusste, was mit ihr ist und glaubte, als Junge dürfe sie so nicht fühlen, denke ich, dass sie selbst diese Zeit brauchte, um sich zu akzeptieren und mit diesem Selbstbewusstsein diesen schweren Weg zu gehen.

Wir möchten uns auf diesem Weg bei all ihren Freunden bedanken, dass sie für Alina da sind und ihr helfen, wenn es ihr mal nicht so gut geht. Es ist für uns schön zu wissen, dass sie so gute Freunde hat, da wir nicht um die Ecke wohnen.

Vielleicht hilft dieser Beitrag anderen Eltern mit transsexuellen Kindern, vielleicht auch nicht, aber wenn jemand noch Fragen dazu hat, darf er sich gern melden.

7 Gedanken zu „Gastbeitrag: Die Sicht der Eltern

  1. Ich kann den Beitrag ja mal bei Zeiten meiner Mutter zeigen, ich glaube die sieht das so ähnlich.
    Oh, eine nette Geschichte habe ich auch noch, meine Mutter hat nie mitbekommen, daß ich an ihren Sachen war. 😉 Na ja, inzwischen kann ich ihr sogar manchmal was abschwatzen.
    Ansonsten, bei uns im Dorf gibt es glaube ich wenig, weil ich transsexuell. Ich weiß nicht genau, wer es alles weiß, aber ich war im Januar auf der Geburtstagsfeier meiner Mutter (mit Nachbarn, Freunden, Arbeitskollegen) und keiner hat was gesagt.

  2. Vielen Vielen Dank für diesen tollen Gastbeitrag, der nochmal so viel erzählz, sichtbar macht und beleuchtet. Sehr mutig, diesen hier herein zu stellen. 🙂
    Besonders bewegt mich wohl der Bezug auf deinen schwulen Mitschüler…vielleicht weil ich gemeint bin. ^^ Ich glaube, wir haben da nie ausführlich drüber gesprochen, was das für dich (oder für deine Mutter ^^) damals bedeutet hat, oder? Vielleicht wäre es mal an der Zeit, das nachzuholen.
    Allerliebste Grüße in den Norden wie nach BaWü,
    dein GreenLime

  3. Ich lese hier schon läger still mit, muss dann doch aber jetzt mal ein paar Worte hier lassen.

    Das ist ein toller Gestbeitrag und es ist wirklich wundervoll, dass du deinen Weg so gehen kannst, wie du es möchtest – mit Unterstützung deiner Familie. Ich kenne sehr viele, die das leider dann allein machen mussten. Dabei ist es doch so „egal“ wie man ist – die Person im Inneren bleibt doch immer noch die, die man kennen gelernt/geboren/geliebt hat. Egal, was auf irgendwelchen Papieren steht.

    Ich bin gespannt auf die weiteren Gastbeiträge. (Und freu mich immer, wenn du postest.)

    Viele Grüße, Prinzessin

  4. Hallo Phoebe, Hallo GreenLime, Hallo Prinzessin!

    Vielen Dank für eure lieben Kommentare! 🙂 Ich werde sie natürlich an meine Eltern weitergeben, wenn meine Mutter sie nicht sowieso schon hier entdeckt. (Hallo, Mama 😀 )
    Phoebe, es freut mich, dass du in privaten Kreise auch keine Probleme hast, als Frau gesehen zu werden 🙂
    GreenLime, ja wir sollten sowieso unbedingt mal wieder telefonieren oder so. Haben wir schon zu lange nicht mehr. *g*
    Prinzessin, es freut mich, dass dir mein Blog gefällt. Ich bin ja neugierig, magst du mir erzählen, wie du ihn gefunden hast?

    Alina

  5. Wieder was Lustiges zum Thema Klamotten: Ich war gestern bei meiner Mutter und die meinte: „Ich muß mal Jacken aussortieren… hier probier mal an.“
    Am Ende bin ich mit 5 Jacken nach Hause gegangen. 😉

  6. Ehrlich gesagt – ich weiß es gar nicht mehr. Kann sein, dass ich über Abby mal zu dir gestolpert bin. Ist jedenfalls schon etwas länger her 🙂

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