Misgendering im eigenen Kopf

Ins Besondere auf ask.fm und Twitter habe ich in letzter Zeit immer wieder eine Frage mitbekommen: „Manchmal gebe ich mir in Gedanken das Pronomen, das früher für mich verwendet wurde. Heißt das, dass ich ich gar nicht trans bin?“

Ich kann euch beruhigen. Das heißt es nicht. Quasi alle Antworten, die ich auf diese Frage gelesen habe, waren sich einig: Das passiert uns allen. Und es ist kaum verwunderlich: Ich zum Beispiel hab rund 20 Jahre mit dem Pronomen „er“ gelebt. Natürlich hat sich das ziemlich eingebrannt. Natürlich dauert es dann, bis eins sich umgewöhnt hat und für sich selbst konsequent das Pronomen verwendet, welches sich besser anfühlt.

Für mich ist es bis heute so, dass ich mich immer noch hin und wieder misgendere. Das passiert besonders, wenn ich an Situationen zurückdenke, bei denen ich das Gefühl habe, sie wären anders verlaufen, hätte ich schon damals gezeigt, dass ich kein Junge bin. Ins Besondere kommt mir da spontan meine Zivildienstzeit in den Sinn. Mal ganz davon ab, dass ich keinen Zivildienst hätte machen müssen, wäre ich damals schon als Frau anerkannt worden, hatte ich dort auch transfeindliche Mitarbeiter. Diese haben glücklicherweise nie erfahren, dass ich schon damals mein Geschlecht hinterfragte, aber sie haben nicht nur zu trans Menschen, sondern auch insbesondere zu Schwulen und Lesben so viel Hass verbreitet, dass ich weiß, dass ich Schwierigkeiten bekommen hätte. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, dann drängen sich mir für mich mein falscher Name und das falsche Pronomen auf.

Mir ist außerdem aufgefallen, dass ich erwarte, beim falschen Namen gerufen zu werden, wenn ich in meinem Elternhaus bin. Das passiert dort nicht und ich bin auch froh drüber, aber ich habe bis heute die Erwartungshaltung, mit diesem Namen angesprochen zu werden. Gedanklich fange ich dort auch immer wieder selbst genau damit an.

Bin ich deshalb weniger Frau? Nein. 20 Jahre haben mich jedoch definitiv geprägt und Erwartungshaltungen trainiert. Ich fühle mich so unglaublich viel freier, seit ich als Frau lebe, für mich steht dieses Misgendering nicht im Widerspruch zum Frau-sein. Unangenehm ist es aber dennoch und ich bin froh, dass das mittlerweile nur noch selten passiert.

3 Gedanken zu „Misgendering im eigenen Kopf

  1. Hallo Alina,
    schön dass du schreibst was anderen auch häufig durch den Kopf geht.
    Ich komme zu einer sehr ähnlichen Erkenntnis. Wenn ich an meine Vergangenheit denke und darüber erzähle, spreche ich sehr heufig von „er“. Ereignisse, die hingegen zeitlich nach meinem Outing verortet sind, sind ganz klar mit „sie“ oder „ihr“ verknüpft und hier kommt es nicht mehr vor, dass ich das falsche Pronomen verwende. Geht es dir da auch so?

  2. Ja, das kann ich bestätigen, das geht mir auch so. Wie gesagt, die Ausnahme ist, wenn ich meine Eltern besuche, dort passiert das auch „einfach so“. Aber dort zu sein ist auch ein bisschen wie meine Vergangenheit zu besuchen.

  3. Hallo zusammen,

    ich möchte mich euer Meinung anschließen. Ich finde es wichtig, dass jeder so lebt wie er es machen möchte. Getreu dem Motto: Respect for Tolerance!

    LG,
    Sabine

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