Von sich selbst als „Er“ und „Sie“

Hinweis: Dieser Artikel ist veraltet und entspricht nicht mehr meinen aktuellen Ansichten.

Sozusagen als Nachfolger zum „gestrigen“ Blogeintrag(, der ja doch erst heute morgen um 00:06 fertig war,) gibt es heute ein Thema, über das ich schon ein paar Tage bloggen wollte. Es geht darum, wie ich über mich selbst rede.

Wie wahrscheinlich bekannt ist, möchte ich es normalerweise vermeiden, zwischen meiner männlichen Hälfte und Alina zu unterscheiden, bzw. eine Trennlinie mitten durch meine Persönlichkeit hindurch zu ziehen. Ich als Ganzes mag Gothic nicht, weil meine männliche Hälfte es mag, oder mag es, wenn mich jemand schminkt, weil das „voll Alinas Ding“ ist, sondern weil ich es bin, die es mag, geschminkt zu werden, und Gothic hört.

Dennoch ist es manchmal nötig, eine Trennlinie zu ziehen. So bin ich, wenn ich als Alina (auf diese nette Formulierung geh ich gleich auch nochmal ein) unterwegs bin, zum Beispiel anfälliger für dumme Sprüche und ängstlicher. Langsam legt sich diese Furcht, aber würde ich als Mann normalerweise keine Angst vor pöbelnden Jugendlichen haben, so sieht die Sache als Alina schon anders aus. Auch hier liegt wahrscheinlich mindestens eine Teilschuld bei der Gesellschaft, die Frauen als leichte Opfer solcher Gruppen ansieht. Und selbst, wenn ich mir klar mache, dass dies ein Vorurteil ist, so macht sich besagte Gruppe das sicher nicht klar und hält Alina für ein leichteres Opfer ihre Sprüche oder gar Handgreiflichkeiten, als meine männliche Hälfte – ganz unabhängig davon, ob sie durchschauen, dass ich trans bin, was ihnen noch neuen Nährboden geben würde.

Auch, wenn es um meine Körpersprache geht, oder darum, wie ich von Fremden angesehen werden möchte, ist eine Unterscheidung nötig, da ich mich anders verhalte und anders angesehen werden möchte.

Um diese Unterscheiden möglich zu machen, habe ich eine Sprechweise entwickelt, die mir eigentlich nicht sehr gut gefällt, aber die ich mangels einer besseren Alternative derzeit noch verwende: „Als Alina“ etwas tun/sein bzw. „Als Mann/Frau“ etwas tun/sein. (vgl. oben, „[…] wenn ich als Alina […] unterwegs bin […]“)

Was mich an dieser Formulierung stört ist vor Allem das „als“, denn es zieht in meinen Augen zum einen zu klare, zum anderen zu starke Grenzen innerhalb meiner Persönlichkeit. Soll die Formulierung eigentlich nur die wenigen Unterschiede klar machen, so wirkt sie auf mich jedes Mal so, als trenne ich damit meine Persönlichkeit, mein Wesen, in zwei Hälften. Aber wie bereits gesagt, gibt es diese zwei Hälften nicht, das bin alles ich.

Daher möchte ich an dieser Stelle zum ersten Mal um die Meinung meiner Leser bitten: Findet ihr auch, dass die Formulierung mit dem „Als“ eine zu starke Grenze zieht, oder bilde ich mir das nur ein? Habt ihr alternative Formulierungen, um die auf die Unterschiede zwischen meiner weiblichen und meiner männlichen Seite hinzuweisen?

Abschließend muss ich noch dazu sagen, dass ich gerade merke, dass die von mir oft verwendete Formulierung „meine männliche Hälfte“ eigentlich sogar noch stärker eine ungewollte Grenze zieht, da „Hälfte“ eigentlich eine exakte Trennung impliziert… Das macht mir diese Formulierung auch glatt unsympathisch, aber lasst mich auch hier wissen, ob ihr das anders seht.

Alina

6 Gedanken zu „Von sich selbst als „Er“ und „Sie“

  1. Ich sehe das mit dem ‚als‘ nicht ganz so eng – doch verstehe ich das Problem.
    Welche Dinge tut man schon als ganze Person? Verhält man sich bei ähnlichen Problemen in verschiedenen Situation aus den gleichen Gründen gleich ? Eher nicht.

    Ein Beispiel, wir alle haben mal ein paar Jahre in einer Schule verbracht und haben auch alle sicher gute Freunde (zumindest wünsche ich das allen )
    Als Schüler sagte ich oft genug, wenn irgendwas doof, haarig, anstrengend, stressig, unbequem wurde: „Scheiß was drauf“
    Als Freund käme mir das so nicht in den Sinn. Ich denke hier verhält es sich ähnlich.

    Also soweit meine 2 Centlinge.
    f

  2. Hey f!

    Erstmal „Danke!“ für deinen Kommentar 🙂

    Eine interessante Theorie, die du aufstellst, allerdings sehe ich die Dinge etwas anders: Wenn ich einem guten Freund bei etwas helfe, was für mich schwierig/aufwendig/unschön ist, gibt es nämlich sehr wohl andere Gründe, als wenn ich es einfach so täte, denn ich helfe nun einem Freund. Wobei ich persönlich aber finde, der Unterschied, ob ich als Alina oder als Mann auftrete, ist geringer, als der Unterschied in deinem Beispiel.
    Meine Ansicht ist sogar gegenläufig zu deiner, denn ich behaupte, ich tue alles als Ganzes. Handel ich anders, sind die Umstände anders. Und natürlich sind die Umstände anders, wenn ich als Mann etwas tue, als wenn ich es als Alina tue, allerdings denke ich, dass diese Unterschiede seltenst Auswirkungen auf mein handeln haben.
    Das soll natürlich nicht heißen, dass ich deine Ansicht nicht interessant oder meine Theorie „besser“ als deine finde. Sie sind sehr unterschiedlich, was sie sogar noch interessanter macht, wie ich finde 😉

  3. Um die Frage beantworten zu können, musst du dir erst mal klar machen, was du selbst eigentlich willst: möchtest du (noch immer) irgendwann einmal „ganz Frau“ sein oder kannst du dich mit einer weitläufigen Intersexualität abfinden, bzw. diese sogar vertreten und ausleben.

    Der Unterschied bezüglich deiner Frage ist nämlich der folgende: Möchtest du eine „normale“ Frau werden, musst du zwangsläufig irgendwann eine striktere Trennlinie ziehen und deine gesellschaftlich gesehen eher männlichen Verhaltensweisen begraben oder zumindest in deinem femininerem Verhalten verstecken, wobei sich zumindest mir hierbei jedoch die Frage stellt, ob das wirklich erstrebenswert ist. Schaut man sich die gängigen TS-Foren an, ist dies allerdings anscheinend „Common Sense“.
    Bezüglich deiner persönlichen Entwicklung, die ich hier ja schon seit Sommer mitverfolge, würde ich jedoch sagen, dass du diese Maßnahmen (nicht mehr) ansteuerst, sondern, wie du selbst glaube ich auch einmal irgendwann gesagt hast, mittlerweile lebst, wie es dir gefällt und dich daher vorerst nicht im oben genannten Sinne an gesellschaftliche Normen anpassen willst.

    Ich würde deine Formulierungen und besonders deine Namen also eher als eine Benennung der Verhaltensweisen, die du in bestimmten Situationen an den Tag legst, bezeichnen, denn, wie schon oben festgestellt, handelt ein Mensch in verschiedenen Situationen eben nun einmal oftmals unterschiedlich, was aber keinesfalls bedeuten muss, dass das Wesen an sich verändert wird; es handelt sich hierbei lediglich um unterschiedliche Facetten desselben Charakters. Deine Formulierungen und Namen spalten dich also nicht auf, sondern sind nur Mittel zum Zweck deiner persönlichen Ausdrucksweise, die von Tag zu Tag variieren kann, genauso wie zum Beispiel die Kleidung, die du in bestimmten Situationen trägst und die du als Bote für Emotionen und Informationen, beispielsweise über deine momentane Gefühlslage, oder die Erwartungen, die mit diesem Kleidungsstil verknüpft sind, und die du bewusst herbeiführen willst, benutzt.

    Abschließend kann ich also sagen, dass du dir auf deinem momentanen Standpunkt keine Sorgen darüber machen musst, ob du durch deine Formulierungen eine zu starke Trennlinie zwischen deinen männlichen und deinen weiblichen Verhaltensweisen ziehst. Du bewertest schließlich deine weiblichen Verhaltensweisen nicht höher als deine männlichen, sondern handelst so, dass du dich dabei gut fühlst.
    Und eine Trennlinie an sich zu ziehen, ist ebensowenig verkehrt, da du dir dann ja wohl auch Sorgen darüber machen müsstest, ob die Schuhe, die du heute gewählt hast, deinen Charakter anders beeinflussen, als die gestrigen. Genauso wie die Schuhe sind Namen, unterschiedliche Verhaltensweisen und dergleichen doch nichts anderes als Kleider, die du mal heute und mal morgen überstreifst, die jedoch nicht wirklich den Körper verändern, den sie bedecken 🙂

  4. Hey!

    Boah, das ist ja ein halber Roman ^^ Auch dafür vielen Dank! Zumal ich ja mitbekommen habe, wie lange du an dem Kommentar gesessen hast 😉

    Also, um deine erste Frage zu beantworten: Ich strebe gar nichts an. Ich wusste nie und weiß auch jetzt nicht, wo mich meine Transidentität hinführen wird, lasse mich mehr treiben, als das ich etwas zu lenken versuchen würde.
    Ich muss jedoch vehement widersprechen, was das Begraben „männlicher“ Verhaltensmuster angeht. (Anders gesagt stimme ich dir zu, dass dies alles andere als erstrebenswert ist und behaupte sogar, dass es das Ziel verfehlt.) Zwar würde sich mein Verhalten in einigen Dingen, teils bewusst, teils unbewusst, ändern, aber allgemein davon zu sprechen, dass man sich, um als Frau anerkannt zu werden, von seinen männlichen Verhaltensmustern trennen muss, halte ich für gewagt. Im Gegenteil: Ich kenne eigentlich keine gebürtige Frau, die sich so weiblich verhält, wie viele Transgender. Um eine gute Freundin von mir als Beispiel zu nehmen: Diese rülpst ohne auch nur zu versuchen, dies zu verstecken und würde sich damit unter vielen Metalern viel Respekt erarbeiten, legte sie es drauf an, dennoch käme weder mir noch sonst jemanden, der sie kennt, in den Sinn, sie nicht als Frau zu sehen. Trotz dieses „männlichen“ Verhaltensmusters ist sie eindeutig weiblich.
    Oder anders ausgedrückt: Ich weiß nicht, wo mein Weg mich hinführen wird, aber ich weiß, dass ich niemals eine maximale Weiblichkeit erreichen kann oder will, denn so viel Weiblichkeit wäre unweiblich 😉

    Deinen übrigens Absätzen kann ich dafür jedoch nur zustimmen. Allerdings bleibt dann weiterhin ein Problem. Du schreibst ziemlich treffend: „[…] oder die Erwartungen, die mit diesem Kleidungsstil verknüpft sind, und die du bewusst herbeiführen willst […]“ Was aber erwarte ich eigentlich, wenn ich Alina bin? Diese Frage wurde mir sehr oft gestellt, wenn ich mich geoutet habe und ich habe bis heute keine Antwort formulieren können. Eigentlich bin ich als Alina kein anderer Mensch und will nicht anders beurteilt werden, auf der anderen Seite möchte ich als Frau angesehen werden und fänd es zum Beispiel nicht witzig, wenn mir jemand an die Brust fassen würde, weil er/sie meint, dass das ja eh nur Silikon und nicht echt sei.
    Einem nicht-Betroffenen, oder vielleicht sogar generell jemanden, der nicht in meinen Kopf sehen kann, richtig die Gratwanderung zwischen „ich bin nicht plötzlich jemand anders“ und „ich will, dass du mich als Frau wahrnimmst“ beizubringen, ist nicht nur nicht leicht, sondern mir bisher wohl noch nie reproduzierbar gelungen. Es gibt zwar Leute, die machen es richtig, aber diese tun es wohl eher intuitiv, als dass ich es ihnen hätte erklären können.

    Ich denke, dass auch dieses Problem in meine Unsicherheit, was die Trennlinie, die ich nicht ziehen will, angeht, hineinspielt.

  5. Ich finde ebenfalls nicht, dass die Formulierung eine zu starke Trennlinie zieht. Es ist halt eine begriffliche Differenzierung, die man schlicht und einfach zum Verständnis braucht und die in diesem Fall wahrscheinlich das Genaueste ist, was die deutsche Sprache hergibt. Die Kleidungsmetapher von Kohaccu trifft die Sache wirklich sehr gut.
    Noch dazu kommt dein Auftreten, das ja ebenfalls für sich spricht.
    Ich habe dich in der Sylvesterwoche ausschließlich als Alina angetroffen und obwohl ich zuerst etwas verwundert war, bis ich die Situation begriff, habe dich in keinster Weise als eine andere Person wahrgenommen. Irgendwie warst du sogar noch mehr du als sonst, mit einer stärkereren und sichereren Ausstrahlung. Und das war sehr schön mit anzusehen.

    (Meine Mitbewohnerin hat dich übrigens zweifelsohne für eine Frau gehalten, bis sie deine Stimme gehört hat und selbst danach war sie sich noch unsicher, bis sie das Namensschild bemerkte 🙂 )

  6. Hey!
    Danke für deinen lieben Kommentar. Gerade das meine Ausstrahlung stärker und sicherer gewesen ist, ist mir bisher nicht bekannt gewesen und es bestärkt mich sehr in dem Weg, den ich gehe. Und die Sache mit deiner Mitbewohnerin sowieso 🙂
    Liebe Grüße,
    Alina

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