Das letzte Jahr

Contentwarning: Dieser Artikel umfasst die folgenden Themen: Depression, Suizidgedanken, Tod

Ein Jahr.

Ein Jahr ist es schon wieder her, seit ich zuletzt etwas hier geschrieben habe. Nicht zum ersten Mal. Und trotzdem besuchen immer noch immer wieder Menschen diese Seite und lesen, was ich so schreibe. Vielen Dank dafür!

Ein Wort der Warnung: Die Contentwarnings beschreiben ja schon, worum es grob gehen wird, aber ich möchte noch einmal betonen, dass ich auf viele Aspekte der genannten Themen sehr offen eingehen werde. Ich weiß, dass das für einige Menschen sehr anstrengend sein kann.

Wer mir auf Twitter folgt, weiß, dass 2016 für mich ein anstrengendes Jahr war. Ich würde gern vorne anfangen, aber ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr so genau, was überhaupt in der ersten Jahreshälfte passiert ist. Um es mit einem Bild zu beschreiben: Stellt euch einen bewölkten Himmel im Winter vor. Keine weißen, flauschigen Fluff-Wolken, keine bedrohlich schwarzen Gewitterwolken, sondern ein grau in grau in grau, soweit das Auge sieht.

Mit etwas mehr ernst und dafür weniger Melodramatik: Rückblickend kann ich kaum noch einzelne Tage benennen, an denen besondere Dinge passierten. Es war ein trostloser Alltag, höchstens von Tagen unterbrochen, an denen es mir schlechter ging als sonst.

Irgendwann fing ich an, eben diese Tage zu protokollieren, legte eine Art Stimmungstagebuch an. Als ich damit anfing, stellte ich fest, dass diese schlechten Tage fast exakt alle zwei Wochen vorkamen. Das hielt sich jedoch nur vielleicht zwei Monate, bevor die schlechten Tage immer weiter aneinander heran rückten.

Als im Juni und Juli dann auch noch Unistress und Schwierigkeiten in der Liebe dazu kamen, verzweifelte ich ziemlich. Ich musste jede wache Minute an zwei Abgaben arbeiten, deren Deadlines innerhalb weniger Tage lagen und konnte mich von meiner Freizeit verabschieden.

Als der Stress hinter mir lag, war ich erst froh, wieder durchatmen zu können. Ich hatte in der Zeit mehrere emotionale Zusammenbrüche und ging davon aus, dass jetzt alles besser werden würde. Wurde es nicht, ganz im Gegenteil.

In meinem Leben breitete sich in der Zeit eine Leere aus. Ich zog mich aus Allem zurück, mit dem Gedanken, dass ich etwas Erholung und Entspannung brauchte. Ich fand aber nicht zurück. In der Zeit brachen alle meinen sozialen Kontakte ein – meine regelmäßige Rollenspielrunde pausierte über die Vorlesungsfreie Zeit, zu anderen Aktivitäten wurde ich kaum eingeladen und hatte auch nicht die Löffel, selbst Initiative zu ergreifen und mich mit Freunden zu treffen. Es war ein Teufelskreis. Ohne soziale Kontakte fiel es mir immer schwerer, Kontakt zu Leuten aufzubauen, was zu noch weniger Kontakt führte. Kurzum: Ich isolierte mich.

Die Isolation begann die Depression zu begünstigen und umgekehrt. Ich kämpfte nicht nur mit den üblichen Selbstzweifeln, die ich fast immer habe, sondern glaubte ihnen, war mir sicher, ich sei unbedeutsam und unwichtig. Natürlich machte das es noch schwerer, wieder aus meinem Loch raus zu kommen.

Dass ich damals noch nicht begriff, warum es mir schlechter und schlechter ging, dass ich nicht verstand, dass ich mich isolierte und mir das nicht gut tat, sorgte dafür, dass ich aus eigener Kraft einfach keinen Ausweg sah.

Anfang August setzte ich mir aus Verzweiflung ein Ultimatium. An jenem Tag kämpfte ich mit schlimmen Suizidgedanken, nicht zum ersten Mal in dieser Zeit, und entschied, dass sich dringend etwas ändern müsse – oder mein Leben wirklich keinen Sinn mehr hätte. Ich war mir in dem Moment sehr bewusst, dass ich diesen Gedanken nicht immer Gehör schenkte und legte deshalb ein Datum fest. Wenn es mir an diesem Datum Ende August nicht deutlich besser ginge, so würde es sicher auch nicht besser werden. Und wenn es mir in der Zwischenzeit wirklich besser ginge: Umso besser.

Ich ging erst davon aus, dass ich dieses Ultimatum bald vergessen würde. Ich habe mir solche Untimaten schon häufiger gesetzt und in der Regel sah schon am Tag darauf die Welt ganz anders aus. Solche Ultimaten halfen mir, in akut depressiven Momenten meinen Kopf frei zu bekommen. Ich konnte die negativen Gedanken beiseite schieben und in aller Regel war es danach so gut, dass ich das Ultimatium schnell vergaß.

Im August war das anders.

Ich verbrachte die nächste Zeit damit, eine Liste aufzubauen mit Dingen, die ich unbedingt erleben oder erledigen wollte, sollte ich mich Ende August dazu entschließen, mein Leben zu beenden. Ich sortierte Dinge aus dieser Liste, die nicht mehr realistisch machbar waren. Am Ende standen weniger als zehn Dinge auf der Liste – und ich fing an, sie systematisch abzuarbeiten.

Kurz vor dem gewählten Datum hatte ich tatsächlich all diese Dinge erledigt, längst einen Plan ausgearbeitet, wie ich meinen letzten Tag verbringen würde und wusste, wie ich mir das Leben nehmen wollte. Ich weiß nicht, wann und warum ich sicher war, dass ich nicht mehr leben wollte, aber irgendwann im August war ich an diesem Punkt angekommen.

Eine Weile vor dem gewählten Datum bat ich einige Freunde um Hilfe. Ich gestand ihnen, dass ich nicht mehr allein zurecht kam und bat sie, auf mich aufzupassen. Eine Woche vor Monatsende gestand ich ihnen dann auch, dass ich sogar Suizidpläne hatte. In einem klaren Moment bat ich darum, mit ihnen an dem Abend etwas zu unternehmen, bis ich müde ins Bett fallen würde. Ich war mir in dem Moment zwar sicher, dass ich nicht sterben wollte und mir nichts tun würde, wollte aber auf Nummer sicher gehen. Zwei gute Freunde stimmten zu und halfen mir, den Abend gut zu überstehen. Ich hab an dem Abend sogar viel Spaß gehabt.

Am nächsten Abend saß ich an meinem Tisch und versuchte mir Mut anzutrinken, um mir das Leben zu nehmen. Ich fand den Mut nicht.

Unter Tränen berichtete ich mitten in der Nacht der Gruppe an Freunden, was ich gerade versucht hatte und bat darum, dass sie mir helfen würden, mich einzuweisen. In den folgenden Tagen ging ich mit einer engen Freundin zur Krisenambulanz der Psychiatrie, bat dort um Hilfe, bekam für die nächste Woche ein Bett auf einer offenen Station versprochen und das Angebot direkt auf eine geschlossene Station zu kommen, wenn nötig. Nach einem umfangreichen Gespräch entschied ich mich, dass ich mit Notfallmedikamenten auch noch die Woche überbrücken könnte.

Tatsächlich habe ich seit dem Gespräch nicht mehr ernsthafte Suizidpläne gehabt. Gedanken daran: Ja, hin und wieder. Aber nie mehr als ein „Urgh, dieser Tag war Scheiße, kann ich bitte einfach sterben?“, nie ernsthaft. Ich glaube, dass der Abend, an dem ich es glücklicherweise nicht geschafft habe, mir etwas anzutun, mich ziemlich geprägt hat. Das heißt leider nicht, dass die Probleme damit vorbei waren, aber sich nicht mehr den Tod zu wünschen, ist auf jeden Fall ein Anfang.

Die nächsten sechs Wochen hab ich auf einer offenen psychiatrischen Station verbracht. „Offen“ heißt, dass ich zwischen den Mahlzeiten und Therapien ziemlich freien Ausgang hatte. Auf geschlossenen Stationen ist in aller Regel die Tür geschlossen (daher der Name) und der Ausgang nur unter harten Regeln erlaubt – zumindest ist diese Aufteilung die, wie ich sie mache. Ich glaube, diese Einteilung ist eher eine Einteilung, die von Patienten und Angehörigen genutzt wird, offizielle Bezeichnungen sind meinem Eindruck nach etwas komplizierter. Das ist aber jedenfalls wie ich diese Begriffe verwende.

In meinen sechs Wochen auf Station hab ich endlich realisiert, was im August (und schon vorher) mein Befinden beeinflusst hat. Ich habe zwei Din A4-Seiten mit Dingen beschrieben, die mich belastet haben, allen voran die soziale Isolation. Ich begann vieles aufzuarbeiten und Ideen zu entwickeln, die mir helfen würden, in Zukunft diese Eskalation zu vermeiden. Alles waren aber nur Anfänge – in sechs Wochen kann das nicht alles abgeschlossen werden.

Trotzdem fühlte ich mich sicherer, als ich die Klinik verließ. Ich hatte zwar viele Prüfungen verpasst und kam direkt im neuen Semester wieder zurück an die Uni, hatte also auch keine Zeit, verpasste Prüfungen nachzuholen, fühlte mich aber in der Lage, meinen Alltag wieder aufzunehmen, wenn ich es langsam anging. Und genau das tat ich.

Bis heute hab ich nicht alles nachgearbeitet, was ich durch meinen Klinikaufenthalt verpasst habe. Viele Leute reden gern von „faulen Studenten“, aber zumindest im Bachelor/Master System ist das einfach nicht die Realität. Ja, ich hab den Einstieg in das letzte Semester langsam angehen lassen, aber insgesamt hätte ich auch nicht viel mehr aufholen können, als ich es jetzt habe. Uni ist halt weit mehr als hin und wieder Vorlesungen besuchen, insbesondere, wenn eins auf Bafög angewiesen ist, welches ohne gute Gründe für eine Verlängerung nur in der Regelstudienzeit gezahlt wird. Studieren ist deutlich schwerer als sein Ruf behauptet.

Wer meine Streams verfolgt, hat längst gemerkt, dass ich seit Februar nicht mehr zum Streamen komme. Das liegt nicht daran, dass ich daran keine Freude mehr hätte. Es ist vielmehr so, dass ich dafür seit Februar einfach gar keine Zeit mehr hatte. Meine Verpflichtungen, ein großer Teil davon Unikram, haben mir nur wenig Freizeit gelassen. Da Streams für mich auch zu einem guten Teil Arbeit sind, konnte ich mir dieses Hobby einfach nicht erlauben. Überarbeiten möchte ich mich so schnell nicht nochmal.

Bevor ich diesen Post beende, ist es mir ein Anliegen auch hier noch einmal darauf hinzuweisen, wie zynisch und eklig das Leben sein kann: Am 29.8.2016, wenige Tage, nachdem ich mir das Leben nehmen wollte, endete das Leben meiner guten Freundin und Ex-Partnerin Mica (micatheneco). Mögest du in Frieden ruhen. Ich weiß, dass ich für viele, viele Menschen spreche, wenn ich sage: Ich vermisse dich schmerzlich, aber hoffe, dass du jetzt zumindest an einem besseren Ort bist.

Freunde von Mica sind herzlich willkommen, sich an mich zu wenden, wenn sie mit ihrer Familie Kontakt aufbauen möchten oder sie auf dem Friedhof besuchen möchten.

Ich weiß, dass dieser Beitrag kein fröhlicher geworden ist, aber leider ist mein Leben das bei weitem nicht immer. Falls es nicht deutlich wurde: Mir geht es aktuell besser und ich habe viel, vielleicht sogar das meiste, aufgearbeitet. Ich befinde mich in ambulanter therapeutischer und psychiatrischer Behandlung und fühle mich wohl damit, beides hilft mir. Aber einfach ist mein Leben leider nun einmal nicht. Mir ist es wichtig, hier auch hin und wieder die Schattenseiten zu zeigen, denn viel zu oft werden „schwere“ Themen, gerade auch Depressionen oder gar Suizid, totgeschwiegen.

Herzmenschen

Mindestens die Personen, die mir auf Twitter folgen, werden schon hin und wieder über den Begriff „Herzmensch“ gestolpert sein, den ich ziemlich häufig verwende. Ich hab immer wieder gesehen, dass andere Leute den Begriff anders verwenden als ich, deshalb möchte ich an dieser Stelle erklären, was er für mich bedeutet.

Herzmenschen meint für mich meine PartnerNinnen. Ich bevorzuge den Begriff dabei allerdings aus mehreren Gründen.

Der Begriff Herzmensch ist in meinen Augen geschlechtsneutral, wie auch das Wort „Mensch“. Da nicht alle meine Herzmenschen männlich oder weiblich sind, macht dieses Wort das Sprechen über sie einfacher. Sie gehören verschiedenen Geschlechtern an, nicht alle sind überhaupt männlich oder weiblich. Ich brauche also in einigen Fällen auch ein Wort, dass auch im Singular Geschlechtsneutral ist. „Partner“/“Partnerin“ oder „Freund“/“Freundin“ trifft es also nicht bei allen meinen Herzmenschen. PartnerNin oder FreundNin ist aber eine Schreib- und Sprechweise, die einfach noch nicht wirklich verbreitet ist und erklärt werden muss, was ich nicht immer möchte. Herzmensch ist hier also eine gute Alternative.

Außerdem macht es auch allgemein das Sprechen im Plural leichter: Von meinen Freunden oder Freundinnen zu reden wird nicht dem gerecht, was zwischen meinen Herzmenschen und mir ist. Es klingt, als seien wir einfach nur befreundet. Das Wort „Partner“ würde hier etwas besser funktionieren, aber trotzdem besteht die Gefahr, dass es nicht als romantische Partner, sondern zu Beispiel als Geschäftspartner verstanden wird.

Eine weitere wichtige Abgrenzung hat sich in den letzten Monaten ergeben: Ich bin nicht mit allen Menschen zusammen, die ich als Herzmenschen bezeichne und von denen auch ich so genannt werde. Ja, es besteht ein romantisches Interesse aneinander. Ja, dies wird auch gemeinsam ausgelebt. Aber jede Person versteht ein bisschen etwas anderes unter dem Wort „Beziehung“. Für mich gehen damit Erwartungen an mich selbst und den betreffenden Herzmenschen einher, nicht immer können diese von meinen Herzmenschen und/oder mir erfüllt werden. Statt aber deshalb „nur“ eine Freundschaft zu führen, lassen wir uns einfach trotzdem auf das ein, was passiert und lassen das Label „Beziehung“ und damit die Erwartungen außen vor. Das funktioniert erstaunlich gut.

Tatsächlich kann ich mir vorstellen, dass ich irgendwann mit den entsprechenden Herzmenschen entscheide, dass die Bezeichnung „Beziehung“ doch auch okay ist. Dann nämlich, wenn sowieso gefestigt ist, wie wir zueinander stehen. Denn letztlich ist es für mich so, dass die meisten Beziehungen in meiner Vergangenheit eh nicht alle Erwartungen erfüllten, sich langsam von meiner „Normvorstellung“ weg entwickelten. Wenn die Bindung zu einem Herzmenschen sehr gefestigt ist, ist es dann nur ein Umdefinieren dessen, was zwischen uns ist, das Austauschen eines Namens ohne damit die Bedeutung zu verändern. Umgekehrt ist es aber so, dass die Bezeichnung „Beziehung“ eben doch Erwartungen mitbringt, wenn die Bindung zu einem Menschen noch nicht gefestigt ist, noch wächst.

Ob ich tatsächlich irgendwann die Verbindungen zu einigen meiner Herzmenschen umdefiniere und Beziehungen nenne, wird sich zeigen. Ich habe damit keine Eile, denn aktuell ist es schön, wie es ist.

Jahresrückblick 2015

2015 war ein ziemlich wechselhaftes Jahr für mich. Viel ist passiert, anfangs leider auch viel Negatives, auch wenn in der zweiten Jahreshälfte das Positive deutlich überwog. Heute ist es Zeit für einen Rückblick auf dieses Jahr, welches definitiv ziemlich chaotisch war.

Das Jahr begann für mich damit, dass ich trotz der Depressionen, die ich aus 2014 mitbrachte und die schlimmer und schlimmer wurden, in zwei weitere Beziehungen hinein stolperte. Ich entdeckte Polyamorie für mich, etwas, von dem ich bis dato glaubte, es würde für mich auf keinen Fall funktionieren. Trotz der Stützen, die diese insgesamt drei Beziehungen für mich waren und trotz der Hilfe, die ich Anfang des Jahres in der psychiatrischen Tagesklinik bekam, begann es mir immer schlechter zu gehen. Obwohl diese Zeit rund die Hälfte des Jahres ausmachte, habe ich in der Zeit fast nichts geschafft. Erst durch den Wechsel der Medikamente meiner Hormontherapie begann es endlich besser zu werden und erst dadurch begann das Jahr wirklich rund zu laufen.

Zwar verlor ich eine Beziehung und die nächste hielt leider nicht lange, doch hatte ich endlich wieder Energie. Ich hab auf dem M’era Luna eine schöne Zeit verbracht, reiste viel (zum Beispiel auch nach Bern) und fand zurück zu meiner Spontanität. Endlich begann die Uni wieder rund zu laufen. Ich begann eine so positiv veränderte Ausstrahlung zu haben, dass ich von vielen Freunden und sogar in meinen Livestreams darauf angesprochen wurde.

Sehr spontan entschied ich mich dann, dieses Jahr wieder einen Adventskalender zu erstellen. Wenn ich mich recht entsinne, fiel der Entschluss erst am 1.12. und ich war überhaupt nicht sicher, ob ich es schaffen würde. Die unglaubliche Resonanz darauf ließ mich aber am Ball bleiben und ich sprach viele Themen an, die mir schon länger auf der Seele brennen, aber die ich bisher nicht bloggen wollte oder konnte. Ins Besondere die Themen Polyamorie und Libido, aber auch die Nichtbinärität von Geschlecht gehörten zu den Dingen, bei denen ich gezögert habe, ob ich sie verbloggen möchte. Ich war unsicher, wie die diese Themen aufgenommen würden, bin aber sehr froh, sie angesprochen zu haben. Dass auch hier die Resonanz positiv blieb, hat mich in dieser Entscheidung nur bekräftigt.

Kurios finde ich, dass ich im Artikel über Polyamorie noch davon sprach, zu dem Zeitpunkt nur eine Beziehung zu haben. Denn bereits am nächsten Tag änderte sich das. Mittlerweile zähle ich zwischen ein und drei Beziehungen. Zwar ist bei zwei Verbindungen nicht ganz klar, was es nun genau ist, aber es ist schön und fühlt sich richtig an, das ist, was eigentlich zählt.

Und wie geht es jetzt weiter? Das Jahr ist ja noch gar nicht ganz vorbei?

Nun, morgen gibt es ein „Geschenk“, wenn eins so will. Ich habe schon den ganzen Monat im Hintergrund daran gearbeitet und werde es morgen veröffentlichen. Über die Weihnachtsfeiertage werde ich selbst meine Familie wieder besuchen. Vermutlich sitze ich gerade im Zug dort hin, wenn dieser Artikel freigeschaltet wird. Anschließend geht es wieder nach Wien um dort bei meinem guten Freund Daniel Silvester zu verbringen.

Tja, und danach wird wohl alles wieder den gewohnten Weg gehen. Ich werde wieder versuchen so in etwa einmal im Monat zu bloggen. Mehr Einträge kann ich weder mit meiner Zeitplanung noch mit meiner Kreativität vereinbaren. Dann doch lieber Qualität als Quantität.

Also, wir lesen uns morgen noch einmal hier auf diesem Blog und dann erst wieder im neuen Jahr. Bis dann,

Alina

Ein wenig Geschichte, Teil 7: Umdenken

Im letzten Teil dieser Reihe ging ich auf die Veränderungen ein, die die Hormontherapie und die Namensänderung für mich mit sich brachten. Heute möchte ich diese Reihe (vorerst?) abschließen, in dem ich mein Umdenken in jüngerer Vergangenheit schildere. Hier findet ihr Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5 und Teil 6.

Ich habe gerade im ersten Teil der „Geschlecht ist nicht binär“-Reihe erklärt, dass ich Geschlecht längst nicht mehr als binär betrachte. Ich habe erlebt, dass nicht alle Menschen männlich oder weiblich sind. Diese Erfahrung hat mich dazu gebracht, dass bestehende Verständnis von Geschlecht zu hinterfragen.

Ich bin eine Frau. Ich fühle mich wohl als Frau. Ich habe mich nicht wohl gefühlt, als ich versuchte, als Mann zu leben. Aber: Ich glaube nicht, dass mir das in jedem denkbaren Kulturkreis so wäre.

Ich betrachte männlich und weiblich nicht mehr als gegebene Gesetze und glaube nicht, dass Frauen als Kinder tendenziell eher mit Puppen spielen, während Männer begabter in technischen Dingen sind. Ob eine Person gut zuhören kann oder nicht ist nicht durch das Geschlecht gegeben, ebenso wenig, ob sie gern Kleider trägt, sich schminkt und die Nägel lackiert oder sich lieber in Band-Shirts, schwarzen Jeans und Springerstiefeln auf Festivals im Schlamm wälzt. Das sind alles Eigenschaften, die eine Person beliebiger Geschlechter haben kann oder nicht und die zu einem guten Teil anerzogen sind und durch Erwartungshaltungen verstärkt werden.

Das bedeutet für mich, dass ich keine Frau bin, weil ich eine „weibliche Persönlichkeit“ habe, sondern es bedeutet, dass ich meine Persönlichkeit leichter offen ausleben kann, wenn ich als Frau lebe, da sie so weitaus besser toleriert wird. Aufgrund meiner Persönlichkeit fühle ich mich als Frau weitaus wohler als als Mann, aber dies liegt daran, wie diese Persönlichkeit von der westlichen Welt interpretiert wird. Würde ich noch einmal versuchen als Mann zu leben, würde ich den gleichen Druck spüren, den ich damals verspürt habe, als ich es rund 20 Jahre lang versuchte. Ein Druck, der für mich deutlich, deutlich größer ist als der, den ich verspüre, seit ich als Frau lebe.

Aber: Es ist für mich nicht perfekt. Ich achte auf einige Details an mir, bei denen ich glaube, dass es anderen auffallen könnte. Ich habe Angst, dass ich anders behandelt werde, wenn diese Details zu sehr auffallen. In einer Gesellschaft ohne Geschlechtsstereotypen würde ich mir zum Beispiel weniger Gedanken um meinen Bartwuchs oder meine Stimme machen. Aber die Gesellschaft, in der ich lebe hat diese Stereotypen und ich achte auf sie, um nicht schief angesehen zu werden, weil ich es nicht tu. Und ich weiß, dass ich dafür mindestens skeptisch betrachtet werde, wenn ich nicht auf diese Dinge achte. Ich hab glücklicherweise selbst wenig Diskriminierungserfahrung gemacht, aber ich kenne Leute, denen es deutlich schlimmer geht. Weil das aber alles als Mann nur noch schlimmer wäre, lebe ich als Frau. Und wie gesagt, es mag nicht perfekt sein, aber die Erwartungshaltung der Gesellschaft ist so für mich ausreichend leicht zufrieden zu stellen, damit ich mich sehr wohl fühle.

Leider kenne ich aber genug Menschen, die dieses Glück nicht haben. Im letzten Jahr habe ich mich sehr intensiv auch mit Menschen beschäftigt, deren Geschlecht eben nicht männlich oder weiblich ist und damit, wie schwer sie es oft haben, so zu leben, wie es sich für diese Menschen gut anfühlt. Der Druck ist hier viel größer, weil keines der Binärgeschlechter auch nur einigermaßen passt, sie aber trotzdem ständig in eines gedrängt werden und zugehörige Klischees auf sie angewendet werden. Diese zumindest aus zweiter Hand zu erleben, hat bei mir zu einem Umdenken geführt. Ich habe gesehen, wie es diesen Menschen mit ihrem Geschlecht geht. Habe realisiert, dass sie durch die Stereotypen noch viel mehr eingeengt werden, als es bei mir der Fall ist. War ich vorher noch davon überzeugt, dass Geschlechter abseits von männlich und weiblich Blödsinn wären, hat dieser persönliche Bezug zu dem Thema dazu geführt, dass ich heute diesen Text schreibe. Das Thema liegt mir mittlerweile selbst sehr am Herzen.

Ich hoffe, dass irgendwann immer mehr Menschen umdenken und Geschlecht eine andere Rolle in der Gesellschaft spielen wird. Ich hoffe, dass es irgendwann jedem Menschen möglich ist, sich frei zu entfalten. Aber ich weiß, dass das ein weiter Weg ist, den ich selbst noch vor eineinhalb Jahren als völlig unnötig erachtet habe. Vielleicht kann ich ja mit meinem Blog ein paar Menschen dieses Thema näher bringen.

Alina

Das Ende der Winterdepressionen?

Ich habe im Laufe der zweiten Jahreshälfte immer wieder erwähnt, dass sich meine Depressionen seit meinem Medikamentenwechsel deutlich verbessert haben. Jetzt, am Ende des Jahres, stelle ich aber noch etwas ganz anderes fest: Dieser Winter ist der erste seit meiner Pubertät, in dem ich nicht mit Winterdepressionen und damit zusammenhängend Antriebslosigkeit zu kämpfen habe. Zum ersten Mal seit Jahren bin ich trotz der Dunkelheit energiegeladen und gerade die letzten Wochen fast ständig unterwegs. Seien es Rollenspielrunden, Krimi Dinner, Escape Rooms, Geburtstags- und Weihnachtsfeiern oder, wie gestern, einfach spontane Treffen mit guten Freunden: Ich habe kaum Leerlauf gehabt und hab das genießen können, anstatt mich damit kaputt zu machen.

Das ist für mich ziemlich unglaublich. Bisher habe ich immer den Winter als die Jahreszeit bezeichnet, die ich am wenigsten mag, eben wegen der Antriebslosigkeit. Dieses Jahr muss ich das revidieren: Ich find’s immer noch doof, wie schnell es dunkel wird, aber es zehrt nicht mehr an meinen Nerven. Ich hoffe immer noch, dass der Winter noch so richtig einsetzt und Schnee mit sich bringt, statt wie die letzten Jahre den Frühling herbei zu sehnen.

Ich vermute, dass tatsächlich mein Vitamin D Mangel die Antriebslosigkeit ausgelöst hat. Da dieser jetzt behandelt wird und meine Werte im Normalbereich sind, halte ich dies für eine ziemlich plausible Erklärung. Aber eigentlich ist mir fast egal, was diese Veränderung bewirkt hat, solange es dabei bleibt. Es tut unglaublich gut, all den Dingen tatsächlich nachgehen zu können, auf die ich Lust habe, und dabei nur von meiner Freizeit, nicht von meiner Energie abhängig zu sein.

In diesem Sinne werde ich jetzt erst einmal kochen gehen, denn ich habe heute Abend noch eine Rollenspielrunde zu leiten 😀

Alina

Kreativität

Bereits während meiner Pubertät habe ich etwas wichtiges festgestellt: Ich habe viele Hobbys und wenig Zeit. Über die Jahre ist das nicht besser geworden. Ich habe besseres Zeitmanagement gelernt, aber insgesamt hab ich eher noch mehr Hobbys auf noch weniger Zeit. Bereits als diese Tendenz damals zum ersten Mal abzusehen war, stellte ich mich daher selbst vor eine Entscheidung: Selbst Musik machen oder zeichnen, aber definitiv nur ein kreatives Hobby! Mir war bewusst, dass ich nicht mehreren kreativen Hobbys gleichzeitig nachgehen könnte, ohne dass dadurch sich alle gegenseitig beeinträchtigen.

Ich entschied mich damals für Musik. Mir wurde immer wieder gesagt, dass ich wohl ein gewisses Talent für’s Singen und ein recht gutes Gehör hätte, während ich beim Zeichnen den Eindruck hatte, nie auch nur im Ansatz die Dinge zu Papier bringen zu können, die ich mir wünschte. Die Entscheidung fiel daher auf die Musik. Ich habe mir irgendwann eine Gitarre zugelegt und angefangen, mir nach und nach das Spielen etwas beizubringen. Ich habe immer wieder gemeinsam mit einem guten Freund Musik gemacht, beziehungsweise in einigen seiner Songs gesungen. Das beste Beispiel ist wohl unsere Cover-Version von All Of My Angels (im Original von Machinae Supremacy). Die Rede ist von Daniel, dem Frontmann von Furious Feedback.

Allerdings kam es letztlich deutlich anders als erwartet. Für meine Gitarre finde ich deutlich weniger Zeit, als ich mir wünschen würde und Musik selbst zu machen blieb immer die Ausnahme. Statt dessen kristallisierte sich mehr und mehr heraus, dass ein anderes kreatives Hobby für mich viel relevanter werden würde. Ein Hobby, dass ich lange Zeit überhaupt nicht beachtet habe. Die Rede ist vom Schreiben.

Wie ihr vermutlich gemerkt habt, schreibe ich diesen Blog. Das ist aber längst nicht alles, was ich schreibe. Seit einigen Jahren nehme ich regelmäßig am so genannten NaNoWriMo teil – einem Schreibwettbewerb, bei dem es darum geht, 50000 Wörter nur im November zu schreiben. Es gibt nichts zu gewinnen, der Ansporn ist dabei vor Allem das miteinander. Es macht einfach Spaß zu wissen, dass außer dir selbst noch einige gute Freunde genau da gleiche Ziel haben.

Leider hab ich es auch dieses Jahr wieder nicht geschafft die 50000 zu erreichen, da ich einfach zu viel mit der Uni und anderen Hobbys ausgelastet war, aber ich habe jedes Jahr wieder Spaß daran. Ich schreibe dort an einer Geschichte weiter, die in nicht allzu ferner Zukunft in einer von einem Konzern regierten Stadt spielt. Während dem Konzern das Wohlergehen der Bewohner der Stadt aber tatsächlich am Herzen liegt, ist diese Welt doch nicht perfekt und so kommt es gegen Ende des Jahre 2099 dazu, dass eine künstliche Intelligenz aufgrund eines „Fehlers“ in der Datenverarbeitung wahnsinnig wird und die Infrastruktur der Stadt zerstört. Dazu gehört neben dem Internet auch essenzielle Dinge wie die Strom- und Wasserversorgung. Inmitten des Chaos, welches diese Zwischenfälle auslösen, versucht eine Studentin ihrer Vergangenheit zu entkommen, während ein Detektiv einfach darauf hofft, genug Aufträge zu bekommen um seinen Lebensstandard halten zu können. Durch einen Zufall treffen die ungleichen Charaktere aufeinander und werden tiefer in die Geschehnisse verwickelt, als ihnen lieb ist. Der Titel der Geschichte ist Tertia – Inmitten des Chaos. Ich tweete über diese und meine anderen Geschichten von Zeit zu Zeit auf twitter.com/schreibe_grufty.

Besagte andere Geschichten sind vor Allem meine Fragments of Memories. Es handelt sich dabei um eine Welt, in der ich viele Kurzgeschichten spielen lasse, die am ehesten ins Genre „Horror“ fallen. Aktuell bin ich dort dabei, die Hintergründe der Welt zu beleuchten, ihre Entstehung. Ich weiß, dass fünf Zeitalter kamen und gingen, bis die Welt in etwa so aussah, wie ich sie in den bisherigen Geschichten beschrieben habe und gestallte diese Zeitalter aus. Es geht hier um den Kampf mächtiger Wesen und wie sie mit den sterblichen Bewohnern der Welt umgehen. Gerade in den ersten Zeitaltern werden Politik und Intrige eine wichtige Rolle spielen, aber es geht auch oft um Einzelschicksale deren, die in einer grausamen Welt um ihr Überleben kämpfen.

Die ersten Fragments schrieb ich 2012 und hatte immer wieder angedacht, sie auch einmal zu veröffentlichen, was dann doch nie geschah. Aktuell spiele ich wieder mit diesem Gedanken, müsste sie dafür aber vorher noch einmal überarbeiten.

Zu diesem Blog wiederum muss ich vermutlich nicht viel sagen. Seit 2011 blogge ich hier immer wieder und er ist damit das älteste meiner Schreibprojekte. Und das einzige, welches schon öffentlich zugänglich ist.

Kurzum: Weder die Musik noch das Zeichnen sind zu meinem aktiven kreativen Hobby geworden, sondern das Schreiben. Bereut habe ich das nie. Ich würd gern noch zusätzlich Musik machen und Zeichnen, aber ich kann leider nicht alles haben. Und wenn die Wahl daher zwischen diesen drei Hobbys stattfinden muss, dann würde ich jederzeit wieder das Schreiben wählen. Es ist ein tolles Ventil und ich hab Spaß daran. Und es scheint mir zu liegen, sonst hätte ich kaum so viele Besucher auf diesem Blog.

Alina

Der Status des Studiums

Ich habe schon lange nicht mehr über mein Studium gebloggt, was eigentlich schon schade ist, schließlich ist es der Teil meines Alltags. Also wird es langsam mal wieder Zeit.

Ich begann im Sommersemester meinen Master of Science, nachdem ich meinen Bachelor deutlich schlechter als ich mir gewünscht hatte abgeschlossen habe. Gerade auch die Bachelor-Arbeit lief… sehr schlecht. Ich bin mit ihr rückblickend kein bisschen zufrieden. Das Timing für die Arbeit war grandios schlecht, da die Depression gerade schlimm wurde, und die Kommunikation meines Betreuers dürftig. Ich bin froh, das einfach irgendwie hinter mich gebracht zu haben und nutzte den Beginn meines Masters als Neustart.

Tatsächlich bin ich dieses Semester so motiviert, wie selten zuvor. Das liegt insbesondere daran, dass ich dieses Semester endlich in einem Themenbereich durchstarte, den ich mir ganz bewusst bis zum Schluss aufbewahrt habe: Computergrafik.

So lange ich mich zurück erinnere, habe ich den Wunsch irgendwann eigene Computerspiele zu entwickeln und Computergrafik ist ein wichtiger Teilaspekt davon. Ein meiner Meinung nach unglaublich spannender Teilaspekt noch dazu! Computergrafik ist die erste Vorlesung, in der ich konsequent und freiwillig jedes Übungsblatt mache, trotz vieler Mängel an den Formulierungen der Aufgaben unglaublich viel Spaß daran und bisher die maximal mögliche Punktzahl erreicht habe. Und das ist ja erst der Anfang: In den nächsten Semestern warten eine ganze Menge weiterführende Vorlesung im gleichen Themenbereich auf mich und ich bin hochmotiviert!

Leider kann ich nicht nur Vorlesungen zum Thema Computergrafik hören. Ich brauche auch einige Vorlesungen aus anderen Bereichen der Informatik und höre dort aktuell Vorlesungen zum Thema Verschlüsselungen und Kryptographie. Auch dieses Themenfeld ist ziemlich interessant und für mich eine Art zweites Stützbein. Ich hab genug Spaß an diesem Bereich, dass ich ihn als berufliche Alternative fest im Auge behalte.

Aber auch Abseits der Informatik muss ich einige Bereiche abdecken. So höre ich im Ergänzungsfach die Vorlesung Virtual Engineering, die ich als Mix aus einer großen Menge Maschinenbau, etwas Informatik und einigem Management bezeichnen würde. Schwer zu beschreiben und meiner Meinung nach recht trocken, aber im nächsten Semester kann ich dann an einem recht interessanten Praktikum teilnehmen. Die Wahl des Ergänzungsfaches war allerdings für mich sowieso schon keine leichte, da erschien mir dieses Thema als kleinstes Übel und ich bin ganz zufrieden damit. Zwei andere Ergänzungsfächer hab ich ausprobiert und abgebrochen.

Außerdem hab ich letztes Semester endlich wieder einen Schwedisch-Kurs besucht. Ich hätte ihn gern dieses Semester weitergeführt, allerdings überschnitt sich der Termin mit einem anderen, wichtigen Termin und ich konnte daher nicht teilnehmen.

Nachdem ich in der schweren Zeit meiner Depression das Studium beinah geschmissen hätte, bin ich mittlerweile wieder unglaublich glücklich mit meinem Studium. Spätestens dadurch, dass ich nebenher auch noch einem HiWi-Job als Tutorin nachgehe, welcher eine Erstsemestervorlesung begleitet, hab ich ziemlich viel um die Ohren, aber ich hab trotzdem Spaß dran.

Bringt eins dann noch das aktuelle Durcheinander meiner Freizeit mit in den Mix, entsteht ein Chaos, welches dem Titel dieses Blogs würdig ist. Immerhin hab ich auch am Durcheinander der Freizeit unglaublich viel Freude. Es ist zwar anstrengend, aber ich habe aktuell eine unglaublich tolle Zeit. Da werde ich mich sicher nicht darüber beschweren!

Alina

Imaginäre Freunde, Kuscheltiere und Copingmechanismen

Contentwarning: Dieser Artikel umfasst die folgenden Themen: Depressionen, Mobbing

Das Thema, das ich heute ansprechen möchte, ist schon wieder eines, welches ich schon ewig vor mir her schiebe. Primär hatte ich hier tatsächlich Angst vor der Reaktion. Seit ich aber weiß, dass ich damit nicht allein stehe und die Bestätigung meiner Therapeutin habe, dass das, wovon ich hier sprechen möchte, nicht krankhaft ist, sondern im Gegenteil sehr sinnvoll, möchte ich es doch endlich ansprechen. Aber lasst mich vorne anfangen.

Ich bin in der Schule gemobbt worden. Das fing spätestens in der achten Klasse an. Damals fing ich an, mir die Haare wachsen zu lassen und schwarz zu tragen. Ich war nie allzu sportlich, hab selten in meiner Klasse(nstufe) FreundNinnen gefunden. Ich muss für die mich mobbenden Menschen das gewesen sein, was sie für ein leichtes Ziel hielten. Nur war ich es nicht ganz.

Ich entwickelte damals etwas, was ich heute gern als Mindset bezeichne. Es umfasst meine Laune und Grundstimmung und beeinflusst, wie ich auf Dinge reagiere. Damals entstand ein arrogantes Mindset. Wenn jemand mich verärgern oder verletzen wollte, trat ein Schutzmechanismus in Kraft, durch den ich in dieses arrogante Mindset wechselte und mich einfach besser fühlte als die mich mobbenden Menschen. Ich fühlte mich ihnen überlegen. Ich blickte auf sie herab. Durch diese Haltung haben es diese Menschen nie geschafft, wirklich an mich heran zu kommen. Ich nahm sie höchstens als kleines Ärgernis war, aber sie waren es nicht wert, mehr Beachtung zu erhalten. Ich bin nicht unbedingt stolz darauf, wie ich in diesem Mindset mit Menschen umgehe, von denen ich in dem Moment glaube, sie wollen mir böses, aber es hilft mir, nicht daran zu zerbrechen. Und hat mich heil durch meine Schulzeit getragen.

Ich möchte an dieser Stelle betonen: Das Mobbing hat bis zum Abitur nach dem dreizehnten Schuljahr nicht aufgehört. Fünf Jahre lang, vielleicht mehr, bin ich gemobbt wurden, obwohl ich die mich mobbenden Menschen ignoriert habe. Es wird so oft gesagt „Du wirst gemobbt? Ignoriere das einfach, dann hört es von selbst auf!“ Ich kann leider aus eigener Erfahrung sagen, dass das nicht hilft. Es geht trotzdem weiter. Ich glaube zwar, dass ich deshalb weniger gemobbt wurde, aber ganz aufgehört hat es nie.

Das Mindset hat in meinem Leben eine derart wichtige Rolle gespielt, dass ich eine ganze Persönlichkeit um dieses Mindset herum erfand. Ich erfand mir eine Art imaginären Freund, dem ich dieses Mindset als Persönlichkeit zuordnete. Diese Person bekam sogar einen eigenen Namen: Gotos. Gotos war damals ein alter Nickname gewesen, den ich eine Weile online verwendet habe und der eigentlich keine Bedeutung hat, sondern nur zusammengewürfelte Buchstaben sind. Dennoch ist der Name hängen geblieben.

Gotos begleitet mich bis heute.  Es ist sogar so, dass ich mittlerweile viel bewusster mit ihm umgehe. Ich führe (Selbst-)Gespräche mit ihm und er ist mittlerweile Protagonist einer Kurzgeschichtensammlung geworden, die eine fiktive Hintergrundgeschichte zu ihm beleuchtet. Allerdings pflege ich dieses Verhältnis vor Allem deshalb so sehr, weil ich gemerkt habe, wie gut er mir bis heute tut. Er hat mir manches Mal den Hintern gerettet.

Ich erinnere mich an einen besonders schlimmen Tag in der schlimmen Zeit meiner Depression, an dem ich auf dem Boden saß und weinte. Ich hatte nicht mal mehr die Kraft mich auf mein Bett zu ziehen. Mein Notfallmedikament war in der Gemeinschaftsküche meines Flurs, im Kühlschrank, und damit für mich unerreichbar. Ich hatte nicht im Ansatz genug Löffel, um über den Flur bis in die Küche und zurück zu gehen. In dem Moment trat aber das Gotos-Mindset hervor. Plötzlich war eine Wut in mir, auf meine Depression, nicht auf mich. Plötzlich war da Energie. Ich konnte aufstehen, stapfte wütend in die Küche, griff nach dem Medikament und noch etwas Süßem, um die Wartezeit bis das Medikament wirkte zu überbrücken und stapfte wütend zurück. Erst als ich in meinem Zimmer auf dem Stuhl saß und die Tropfen des Medikaments abgezählt hatte, fiel das Mindset wieder ab und ich blieb verwirrt darüber zurück, wie zur Hölle ich das gerade geschafft hatte.

Seit spätestens dieser Erfahrung empfinde ich dieses Mindset als unglaublich hilfreich und ich bemühe mich, den Zugang zu ihm zu verbessern. Seit her ist Gotos in Form des imaginären Freundes wieder deutlich präsenter für mich.

Aber Gotos ist nicht der einzige Copingmechanismus in dieser Richtung. Wer mir auf Twitter folgt oder meine Streams schaut, kennt meine Flauschi – ein Rotpanda-Plüschtier. Flauschi ist eine Art Maskottchen meiner Streams geworden. Sie sitzt grundsätzlich so auf meinem Mikro, dass sie in jedem Stream zu sehen ist. Tatsächlich hat sie sogar einen eigenen Twitteraccount, bloggt seit Kurzem selbst ein wenig und vor Allem hilft sie mit, in meinem Stream-Chat zu moderieren. Natürlich kann ein Plüschtier das alles nicht wirklich – den Twitteraccount und Blog schreibe ich aus ihrer Sicht, im Chat arbeitet eine Bot-Software im Hintergrund unter ihrem Namen, aber meine Community hat sie schon seit langem als eigene Persönlichkeit anerkannt und zieht voll und ganz mit, wenn ich behaupte, Flauschi sei eine eigene Person und mache das alles selbst.

Tatsache ist: Auch sie ist eine imaginäre Freundin von mir. Eine, die einen sehr, sehr ausgeprägten Charakter hat, gerade auch, weil sie in meinen Streams und auf Twitter dabei ist und sie einfach auch von anderen Leuten involviert wird. Sie ist so etwas wie meine kindliche Seite. Aber auch sie ist ein Copingmechanismus. Während sie, wenn es mir gut geht, eine aufmerksame, aber auch aufgedrehte und neugierige Persönlichkeit besitzt, so ist sie, wenn es mir schlecht geht, ein Ruhepol und jemand, an den ich mich kuscheln kann – auch wenn sie ziemlich klein ist. Das ist auch der Grund, warum viele Leute glauben, ich habe sie seit meiner Geburt – sie sieht mittlerweile ziemlich durchgeflauscht aus, obwohl ich sie erst 1,5 Jahre bei mir habe.

Beide, Gotos und Flauschi, sind für mich ziemlich wichtige Selbstschutzmechanismen, aber auch deutlich mehr. Ich hab längst akzeptiert, dass sie eben auch imaginäre Freunde sind, die ich sogar ein Stück weit mit anderen Menschen, die dafür offen sind, teilen kann. Ich versuche nicht, mir „abzugewöhnen“, sie als existent zu behandeln. Mir ist bewusst, dass sie es nicht sind, aber wenn ich nicht nur Freude dran hab, sie so zu behandeln, warum sollte das ein Problem sein? Zumal sie mir ja sogar gut tun.

Ich hab lange Zeit die Sorge gehabt, wenn ich über diese beiden sprechen würde, würden Leute mir Schizophrenie oder, gerade im Falle von Gotos, eine multiple Persönlichkeit unterstellen, aber das sind sie nicht. Sie sind so etwas wie imaginäre Freunde und Copingmechanismen, aber mehr nicht. Sie sind für mich eine Stütze, keine Last. Es hat aber dennoch lange gedauert, bis ich mich getraut habe, so offen drüber zu sprechen. Ich habe erst andere Menschen kennen lernen müssen, die auch imaginäre Freunde oder ähnliche Copingmechanismen haben, bevor ich mich das getraut hab. An dieser Stelle danke an euch! Ihr wisst, wer ihr seid.

Ich hoffe, dass dieser Artikel vielleicht ein paar Menschen hilft, die ähnliche Copingmechanismen oder imaginäre Freunde haben, diese etwas besser zu akzeptieren. Es ist nichts verwerfliches oder schlimmes, im Gegenteil kann es eine Bereicherung sein!

Alina

Der große Topf des Gender-Nonconformings

Ich hab in diesem Blog hin und wieder erwähnt, dass ich so meine Probleme habe mit Menschen, die aus verschiedenen Gründen in die Rolle eines anderen Geschlechts schlüpfen, ohne sich diesem zugehörig zu fühlen. Ich möchte direkt an dieser Stelle erwähnen: Ich möchte niemandem verbieten, dies zu tun. Ich möchte es auf keinen Fall schlecht reden. Aber ich sehe leider problematische Strukturen, die sich entwickelt haben und möchte an dieser Stelle erklären, wie ich diese Strukturen verstehe, und warum ich sie als problematisch erachte. Noch einmal: Ich möchte nicht die Tätigkeiten an sich verteufeln.

Der Artikel „Warum ich kaum in Trans*-Communities aktiv bin“ schlägt in eine ähnliche Bresche wie dieser Artikel, auch wenn meine Wortwahl dort noch sehr anders war. (Wow, hat sich mein Stil in den letzten 1,5 Jahren verändert! :O) Heute möchte ich den Fokus aber etwas anders setzen. Ich möchte dazu die Rocky Horror Show als Beispiel nehmen.

In der Rocky Horror Show gibt es den Charakter Frank N. Furter, welcher in dem Stück als Transvestit bezeichnet wird. Leider sagt dieser selbst, er käme aus „Transsexual, Transsylvania“ – gemeint ist hier wohl, dass Frank N. Furter vom Planeten „Transsexual“ aus der Galaxie „Transsylvania“ stammt, aber die Formulierung ist leicht falsch zu interpretieren, als sei transsexual hier ein Attribut für Transsylavia. „Ich komme aus dem transsexuellen Transsylvanien“.

Furter ist wie die ganze Show ziemlich überdreht und zu ihm passt meiner Meinung nach mit seinem Auftreten und seinen Outfits das Label Drag Queen. Eine sehr extrovertierte Persönlichkeit und aufreizende Kleidung machen ihn in meinen Augen aus.

Das Problem das ich damit habe? Zu oft werden Personen in Drag und Transsexuelle in einen Topf geworfen. Ich hab mit Personen in Drag an sich kein Problem, aber ein Problem damit, dass dies in der Öffentlichkeit als repräsentativ für Transsexualität missverstanden wird und ich mich damit nicht identifizieren kann. Ich finde es bedenklich, dass dies nicht getrennt wird, denn es fehlen jungen transsexuellen Menschen damit Vorbilder. Ich hab in meiner Pubertät jahrelang ausgeschlossen, trans zu sein, weil ich nur Personen in Drag kannte und wusste, dass ich so nicht bin. Ich hielt Personen in Drags für transsexuell und die einzige Form, in der eins aus dem zugewiesenen Geschlecht ausbrechen könnte.

Diese Probleme führten dazu, dass ich bis heute Personen in Drag nichts abgewinnen kann. Wie gesagt, ich möchte es nicht verteufeln oder gar verbieten. Menschen haben Spaß daran und ich finde das absolut in Ordnung. Aber diese Strukturen sind ein Problem, bei dem ich selbst nicht so recht weiß, wie dies angegangen werden könnte. Ich glaube, transsexuelle Menschen kämpfen schon oft dagegen an, als Personen in Drag dargestellt zu werden. Ich weiß nicht, wie oft es Personen in Drag umgekehrt passiert und wie sehr sie dagegen kämpfen. Letztlich kann ich wahrscheinlich nur hoffen, dass durch einen offeneren Umgang mit trans Themen die Unterschiede mehr ins öffentliche Bewusstsein dringen.

In diesem Artikel bin ich jetzt vor allem auf den Unterschied zwischen Personen in Drag und Transsexuellen eingegangen beziehungsweise auf die Probleme, die ich als Transsexuelle mit falschen Labels habe. Ich bin aber sicher, dass das nicht nur für diese Gruppen gilt. Transvestiten, Cross-Dresser und andere Menschen die, dauerhaft oder zeitweise, mit ihrem zugewiesenen Geschlecht brechen, werden vermutlich ähnliche Probleme haben. Meinem Eindruck nach werden wir alle in einen großen Topf geschmissen, der uns in der Öffentlichkeit sämtliche Diversität raubt. Ich hoffe, dass dieser Artikel dazu betragen kann, dieses Problem in den Fokus zu rücken um Lösungen dafür zu finden.

Alina

P.S.: Fall jemand einen schönen, griffigen, genderneutralen Begriff für „Personen in Drag“ hat, wäre ich darum sehr dankbar, ich kenne leider keinen 🙁

Polyamorie

Im letzten Jahr hat sich für mich auf vielen Ebenen viel getan. Eine Veränderung, über die ich bisher hier nicht gesprochen habe, ist, dass ich mittlerweile polyamor lebe. Polyamor heißt, dass ich mehrere Beziehungen gleichzeitig führe. Das heißt allerdings nicht, dass ich „fremdgehe“ – alle Beteiligten wissen um all meine Beziehungen. Es heißt auch nicht, dass ich in einer offenen Hauptbeziehung lebe und einige „Nebenbeziehungen“ führe – für mich sind meine Herzmenschen alle wichtig und ich kann nicht behaupten, eine Beziehung sei wichtiger als eine andere. Sie sind alle verschieden, aber ich hebe nicht eine Beziehung über die anderen.

Nun, das stimmt nicht ganz. Aktuell bin ich aus verschiedenen Gründen nur noch in einer Beziehung. Von drei Trennungen, die ich dieses Jahr hatte, war aber nur bei einer meine Polyamorie der Trennungsgrund, die anderen Trennungen waren aus anderen Gründen nötig. Für mich ist das Experiment „Polyamorie“, das irgendwann Ende letzten Jahres begann, aber bei weitem nicht gescheitert, im Gegenteil hat Polyamorie mein Leben ziemlich bereichert. Aber fangen wir vorne an.

Nachdem Ende 2014 eine Beziehung endete, hatte ich eigentlich geglaubt, eine Weile keine Beziehung zu wollen. Ich wollte mich nicht fest an eine Person binden sondern lieber ausprobieren, was mir in einer Beziehung eigentlich wichtig ist. In dieser Zeit lernte ich die Person kennen, mit der ich bis heute zusammen bin. Auch sie wollte sich eigentlich nicht binden, und so verblieben wir dabei, dass zwischen uns etwas war, das zwar mehr als eine Freundschaft, aber ganz bestimmt weniger als eine Beziehung war. Erst deutlich später gestanden wir uns ein, dass es rückblickend eigentlich schon damals eine Beziehung war, wie wir heute Beziehungen verstehen.

Anfang diesen Jahres lernte ich dann zwei weitere Menschen kennen, die offen für Polyamorie waren und die mir, genau wie die schon genannte Person, unglaublich halfen, als die Depression ihren Höhepunkt erreichte. Irgendwann stellte ich nach und nach fest, wohl für alle diese Menschen Gefühle zu haben, gestand sie mir und ihnen ein und wir fingen an das, was zwischen uns war, als Beziehungen zu bezeichnen. Irgendwie passierte das einfach so. Hätte mir das Mitte 2014 jemand erzählt, ich hätte die Person ausgelacht. Ich hatte früher immer behauptet, ich könne nicht mehr als eine Person gleichzeitig lieben. Stellt sich heraus: Ich lag falsch. Witzig ist da eine Antwort auf ask.fm auf die Frage, ob ich mehrere Personen lieben könne.

Es hat sich dann wie gesagt noch einiges getan. Eine Beziehung ging, eine andere kam und ging und dann endete noch eine Beziehung, sodass ich jetzt doch wieder nur mit der Person zusammen bin, durch die ich Polyamorie überhaupt für mich entdeckt habe. Ich möchte noch einmal dazu sagen: Ich bin mit den drei Menschen, zu denen die Beziehungen zerbrachen, immer noch gut befreundet und nur in einem Fall war die Polyamorie an der Trennung (mit-)schuld. Insgesamt funktioniert für mich Polyamorie sehr gut, auch wenn ich verstehen kann, dass dieses Beziehungskonzept sicher nicht für jede Person etwas ist.

Polyamorie hat definitiv Vor- und Nachteile. Vorteile, die ich daran sehe, sind zum Beispiel, dass ich durch mehr Herzmenschen auch mehr Menschen habe, denen ich mich komplett anvertrauen kann und die für mich da sind, wenn es mir schlecht geht. Ich hab Situationen erlebt, in denen mehrere Herzmenschen mir gleichzeitig etwas Gutes taten und war in den Momenten von positiven Emotionen unglaublich überwältigt. Es ist ja schon ein unbeschreibliches Gefühl, sich von einer Person geliebt zu fühlen, aber dieses Gefühl dann mehrfach gleichzeitig zu empfinden ist unglaublich.

Außerdem ist es mir möglich verschiedene Bedürfnisse, die ich in Beziehungen habe, auf verschiedene Personen zu verteilen. Früher wäre es für mich ein Trennungsgrund gewesen, wenn ich diese Bedürfnisse nicht ausreichend in einer Beziehung stillen konnte, heute ist es das nicht mehr. Wenn mir bewusst wird, dass mir in einer Beziehung etwas fehlt, spreche ich mit meinen Herzmenschen darüber und wenn wir keine Lösung finden, habe ich immer noch die Option, dieses Bedürfnis durch einen andere Beziehung abzudecken. Das mag im ersten Moment unromantisch klingen, aber tatsächlich empfinde ich es genau gegenteilig: Ich kann jetzt Beziehungen, die toll sind, aber in denen mir Dinge fehlen, weiterführen, im Wissen, dass es in Ordnung ist, dieses Bedürfnis durch andere Menschen abdecken zu lassen. Es ist kein Trennungsgrund mehr, wenn Teilaspekte eine Beziehung nicht so laufen, wie ich es mir wünsche.

Umgekehrt bedeutet dies auch, dass ich versuche, den Ansprüchen, die meine Herzmenschen an die Beziehung zu mir stellen, gerecht zu werden. Und mit mehr Beziehungen sind es auch mehr Ansprüche. Mehrere Beziehungen zu führen ist für mich ein größerer Zeitaufwand als eine einzelne, wobei das auch von den Bedürfnissen meiner Herzmenschen abhängt. Wenn ein Herzmensch, so wie ich auch, ein hohen Bedarf an Kommunikation und Austausch hat, fließt dort viel Zeit rein. Mehreren Herzmenschen, die zum Beispiel täglich telefonieren wollen, könnte ich vermutlich nicht gerecht werden. Es gilt also, hier eine Balance zu finden, die für alle Beteiligten funktioniert. Nein, dass ist nicht immer ganz einfach. Definitiv nicht. Das ist Arbeit.

Eine andere Schwierigkeit, mit der ich selbst anfangs heftig zu kämpfen hatte, ist Eifersucht. Nur, weil ich entschieden habe, Polyamorie auszuprobieren, heißt das nicht, dass alle Eifersucht wie weggeblasen ist. Tatsächlich ist eher das Gegenteil der Fall. Während ich in einzelnen Beziehungen eigentlich nie Probleme mit Eifersucht hatte, erlebte ich sie Anfang des Jahres ziemlich heftig. Zu dem Zeitpunkt realisierte ich zum ersten Mal, dass ein Herzmensch selbst mit einem Menschen zusammen war, für den er ähnlich viel wie für mich empfand. Selbst als ich nach und nach begriff, dass dies nicht bedeutete, dass mein Platz in seinem Herzen gefährdet war, nagte das Wissen sehr an mir. Und das, obwohl ich ja selbst in mehreren Beziehung war. Doppelmoral? Definitiv. Aber auch dieses Wissen half mir nicht wirklich, mich mit diesen Gefühlen zu arrangieren.

Was mir aber half: Drüber reden. Mit meinem Herzmenschen und dem seinen. Wir versuchten gemeinsam zu ergründen, woher die Gefühle kommen und Kompromisse zu finden, die mir den Umgang mit der Eifersucht leichter machten. Mein Ziel war dabei nie, den beiden etwas grundsätzlich zu verbieten, sondern mich an den Gedanken heran zu tasten, dass auch die beiden in einer Beziehung sind. Die meisten Kompromisse, insbesondere die, bei denen die beiden deutlich auf mich zu gekommen sind, waren nicht dafür gedacht, für alle Ewigkeit zu halten, sondern primär dafür da, mir etwas „Schonfrist“ zu geben.

Mittlerweile komme ich mit meiner Eifersucht deutlich besser zurecht. Weg ist sie nicht und ich glaube auch nicht, dass es möglich ist, sie verschwinden zu lassen, aber ich habe mit ihr umzugehen gelernt. Statt mich von ihr zerfressen zu lassen tu ich Dinge, die mir Freude bereiten. Oft sind das dann solche Dinge, von denen ich weiß, dass der Herzmenschen, um den sich meine Gefühle gerade drehen, wenig anfangen kann. Ich programmiere zum Beispiel etwas, oder spiele Videospiele, die besagtem Herzmenschen nicht gefallen. Für mich funktioniert das ziemlich gut, um der Eifersucht einfach aus dem Weg zu gehen. Sie ist dann zwar da, aber ich lasse sie einfach sitzen und kümmere mich nicht um sie.

Allgemein ist in polyamoren Beziehungen Kommunikation in meinen Augen noch wichtiger als in Zweierbeziehungen. Es gibt mehr Beteiligte, auf die Acht gegeben werden muss, damit es nicht zu ungesunden Dynamiken kommt. Alle Beteiligten soll es schließlich gut damit gehen. Ich wiederhole noch einmal: Das ist Arbeit.

Nichts desto trotz überwiegen für mich die Vorteile von Polyamorie. Ich fühle mich so einfach super wohl. Ich finde es daher ziemlich schade, dass offene Beziehungskonzepte in der Gesellschaft einen eher schlechten Stand haben. Wenn eins sich Vor- und Nachteile klar macht und bereit ist, Arbeit zu investieren, kann Polyamorie für viele etwas unglaublich tolles und schönes sein, da ist es schade, dass sie so selten überhaupt erwähnt wird und oft mit Ablehnung auf sie reagiert wird.

Alina